Zentralbanken in der Zwickmühle

Nach einer monatelangen Vorbereitung auf die eigentlich längst überfällige geldpolitische Wende in den Vereinigten Staaten verschlechtern sich gerade jetzt die Fundamentaldaten weltweit deutlich. In diesem Zusammenhang muss man sich in Erinnerung rufen, dass die Fed vor nicht allzu langer Zeit angekündigt hatte, die Entwicklung des Leitzinses an konkrete Zielvorgaben für die Arbeitslosenquote und die Inflationsrate zu koppeln. So sollte der Leitzins so lange niedrig bleiben, bis die Arbeitslosenquote im Bereich von 6,5% liegen und die langfristigen Inflationserwartungen 2,5% nicht überschreiten würden. Seit Mitte 2014 ist dieses wirtschaftliche Umfeld gegeben, doch die Fed hat nicht gehandelt. Jetzt steht sie vor dem Dilemma: Eigentlich müsste sie die Fed Funds Target Rate anheben, um einen „Puffer für schlechte Zeiten“ aufzubauen. Aber gerade jetzt, da die Notenbank tatsächlich bereit ist zu handeln, scheinen die Abwärtsrisiken zuzunehmen. Der ungebremste Höhenflug des US-Dollars, der kräftige Rückgang der Rohölpreise und die Unsicherheiten bezüglich der wirtschaftlichen Entwicklung in China sowie in anderen Emerging Marktes sind nur einige Punkte, die die Fed zögern lassen. Doch jetzt zurückzurudern, könnte die Glaubwürdigkeit der Notenbank gefährden. So stellte die US-Notenbank-Chefin selbst bei verschiedenen Reden eine Straffung der Geldpolitik noch in diesem Jahr in Aussicht. Diese wird auch kommen, allein weil die Finanzmärkte darauf vorbereitet wurden und sich die Notenbank nicht die Blöße geben will, das wirtschaftliche Umfeld eventuell falsch eingeschätzt zu haben. Letztlich werden die US-Leitzinsen wohl bald angehoben werden, auch wenn die Wirtschaftsdaten nicht unbedingt eine Erhöhung zum jetzigen Zeitpunkt erfordern.

Auch in Großbritannien mehren sich die Stimmen derer, die für eine baldige Zinserhöhung plädieren. Ähnlich wie in den USA ist auch in Großbritannien das fundamentale Bild weiterhin gemischt. Beide Lager, sowohl das der geldpolitischen Falken als auch das der Tauben, haben somit gute Gründe für ihren jeweiligen Standpunkt. Die Falken verweisen auf den schwindenden Kapazitätspuffer und die sinkende Arbeitslosenquote. Die Tauben haben Sorge, dass eine verfrühte Zinserhöhung in Anbetracht der weiterhin schwachen Inflation und der nachlassenden Investitionstätigkeit das falsche Signal setzen könnte. Doch ebenso wie die Fed wird auch innerhalb der Bank of England der Wunsch nach einer „Normalisierung“ der Geldpolitik immer stärker. Zu groß ist die Angst, dass sich das Fenster schließen könnte, bevor man eine Chance hatte, das Zinsniveau anzuheben – und sich dadurch Munition für den nächsten Abschwung gesichert hätte. Ebenso wie die Fed dürfte die BoE in den kommenden Monaten eine erste Zinserhöhung vornehmen. Weitere werden, wenn auch langsam, folgen.

Ganz ketzerisch gesprochen, könnten die US-Notenbank und die Bank of England aber den besten Zeitpunkt für die geldpolitische Wende mittlerweile verpasst haben. Bei beiden Notenbanken stellt sich die Frage, ob sie die vor langer Zeit anvisierte geldpolitische Wende einfach um der Sache Willen noch vollziehen, oder ob sie angesichts der zunehmenden Abwärtsrisiken bis zum Sankt Nimmerleinstag an der Nullzinspolitik festhalten müssen.

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