Gegenwärtige Eu(ro)phorie ohne fundamentale Basis

Die Deeskalation der Griechenlandkrise scheint dem Euro gut zu bekommen. Oder ist es doch die sinkende Erwartung einer US-Zinswende im September? Oder gar die Schockwellen, die aus China kommend die globalen Finanzmärkte im Würgegriff haben? Jedenfalls zeigt sich die Gemeinschaftswährung mit Kursen von fast 1,15 USD so stark wie zuletzt im Februar. Aber woher kommt die jüngste Entwicklung denn nun: Ist sie Ausdruck einer globalen US-Dollar-Schwäche oder kann sich der Euro aus eigener Kraft behaupten? Der Vergleich von handelsgewichtetem USD-Index und EUR-USD zeigt uns, dass wir eine perfekte Mischung aus beidem sehen.

Der September rückt näher, was man allerdings von der hinreichend diskutierten US-Zinswende nicht sagen kann – so zumindest die Interpretation des Devisenmarktes nach dem letzten Fed-Protokoll. Auf dieses aus USD-Sicht ungünstige Umfeld trifft die Panik im Zuge der China-Turbulenzen. Das Börsenbeben an Asiens Märkten wird als Vorbote einer harten Landung der chinesischen Konjunktur interpretiert, mit entsprechenden Konsequenzen für die Weltwirtschaft. Dass der chinesische Aktiencrash Ausdruck eines zuvor völlig überhitzen Marktes war und das Platzen dieser Blase ebenso wenig mit dem Wachstumsumfeld zu tun hat, wie die zuvor erfolgte Kurssteigerung in dreistelligem Prozentbereich, wird in der Phase der aktuellen Panik beiseitegeschoben.

Nur weil der Euro aus dieser Unsicherheit profitiert und ein beachtlicher Gleichlauf von Eurokurs-Plus und Aktienmarkt-Minus zu beobachten ist, macht ihn das noch lange nicht zum Sicheren Hafen, den Investoren aus der Überzeugung suchen, dass ihr Geld dort gut aufgehoben ist. Vielmehr können wir die Folgen diverser Positionsglattstellungen beobachten: Carry-Trades, deren Finanzierung auf EUR läuft, werden aufgrund der erhöhten Risikoaversion und der Aktienmarktverluste glattgestellt. Aber auch direkte Devisenmarkt-Engagements werden korrigiert, was doppelt schlecht für den Dollar ist. Die wachsenden Zweifel an der Zinswende nagen unmittelbar an den USD-Long-Positionen; die Risikoaversion führt zum Abbau bestehender Positionen und belastet mittelbar den Dollar als diejenige Währung, auf deren Aufwertung die meisten Marktteilnehmer gesetzt hatten. Insgesamt scheint uns die gegenwärtige Eu(ro)phorie übertrieben und nicht fundamental untermauert. Dennoch sind Charttechnik, Sentiment und Positionierung derzeit so einhellig EUR-positiv, dass es zu früh wäre, ins fallende USD-Messer zu greifen.

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