Sorgen um Chinas Konjunktur

Halten wir einmal fest: Wenn das Wachstum in China gegenüber dem bisherigen Niveau merklich einbricht oder sogar völlig zum Stillstand kommt, wird die Weltwirtschaft dies schmerzlich zu spüren bekommen. Nicht nur, dass die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt nach wie vor rund ein Drittel zum globalen Wachstum beiträgt. Der riesige Binnenmarkt ist in den vergangenen Jahren für die meisten Länder zudem zu einem der wichtigsten Absatzmärkte geworden – auch für einige Großkonzerne hier in Deutschland. Vor diesem Hintergrund sind die nun an den internationalen Aktienmärkten veranschlagten Konjunktursorgen sicherlich nicht übertrieben.

Daher ist die alles entscheidende Frage: Wird das Wachstum in China tatsächlich einbrechen oder noch schlimmer – und das ist die aktuelle Befürchtung – ist die Konjunktur längst dabei deutlich einzuknicken? Einer der wichtigsten Krisenindikatoren, der hierfür herangezogen wird, ist die Entwicklung an den chinesischen Börsen, die sich seit Wochen förmlich im freien Fall befinden und sich auch von den massiven Stützungsmaßnahmen der chinesischen Regierung bislang nicht dauerhaft stabilisieren ließen. Hierzu muss aber gesagt werden: Als Konjunkturindikator war der chinesische Aktienmarkt noch nie sonderlich geeignet – er tendierte schwach, wenn die Konjunktur gut lief und er haussierte, wenn sich das Wirtschaftswachstum abschwächte. Wie im vergangenen Jahr – denn dem aktuellen scharfen Einbruch der Kurse war ein fast zwölfmonatiges Kursfeuerwerk vorausgegangen, das sich bis zum Höhepunkt im Juni in einem Plus von rund 150 Prozent kumulierte. Diese Blase – davon kann man wohl getrost sprechen – war politisch initiiert. Peking hatte die Bevölkerung geradezu gedrängt, ihre hohen Ersparnisse am Aktienmarkt zu investieren, auch, als die Bewertungsniveaus längst übertrieben hoch waren. Eine Korrektur, auch eine scharfe Korrektur dieser Bewertungen erscheint daher nicht abwegig, zumal unter dem Strich immer noch ein sattes Plus im Jahresvergleich steht.

Abseits vom turbulenten Börsengeschehen und mit ein bisschen mehr Nüchternheit liefert ein Blick auf die aktuellen Daten zur laufenden Konjunkturentwicklung kaum Anhaltspunkte für ein abruptes Einknicken des Wirtschaftswachstums. Sicherlich: Das Wachstum hat sich in den vergangenen zwei bis drei Jahren merklich verlangsamt. Statt mit 10 bis 12 Prozent wächst die chinesische Industrie jetzt nur noch mit rund 6 Prozent. Die Bauinvestitionen haben in den letzten Monaten kaum mehr als stagniert und haben die gesamte Investitionstätigkeit in den Bereich einstelliger Wachstumsraten gedrückt. Auch der Konsum hat in den letzten Jahren sukzessive an Schwung verloren. Und während die Einfuhren Chinas die Abschwächung mit einem Minus im bisherigen Jahresverlauf widerspiegeln, tritt die Exportkonjunktur weitgehend auf der Stelle. Trotzdem: Dies sind Entwicklungen, die sich nicht erst in den letzten Wochen eingestellt haben, sondern sich seit Monaten so vollziehen, auch, als der chinesische Aktienmarkt noch 150 Prozent im Plus lag. Dass China nicht mehr die Wachstumslokomotive der Weltwirtschaft ist, ist nicht erst seit Mitte August bekannt. Außerdem: Die Verlangsamung des Wachstumstempos war und ist gesund und notwendig – zumindest solange sie sich auf einem moderaten und stabilen Abwärtspfad vollzieht. Dies ist von der bis dato reformorientierten Zentralregierung politisch auch so gewollt. Deshalb ist die bisherige Entwicklung auch so von den meisten Konjunkturbeobachtern erwartet worden.

Bleibt die Befürchtung, dass die konjunkturelle Lage in China viel schlechter ist, als dies die offiziellen Zahlen widerspiegeln. Diese Skepsis an der oftmals sehr intransparenten und mit ziemlicher Sicherheit politischem Einfluss ausgesetzten Datenlage in China ist zweifellos angebracht und wird auch von uns geteilt. Ob man aber die Abwertung des Yuan durch die chinesische Regierung vor einigen Tagen als Zeichen für eine ausgemachte Krise im Land werten muss, bleibt doch äußerst fraglich. Hierzu muss man sich klar machen, dass die chinesische Währung in den vergangenen Monaten bereits massiv aufgewertet hat, was nicht zuletzt mit der bisherigen Stärke des US-Dollars zusammenhing, an dem sich der Verlauf des Yuan hauptsächlich orientiert. Die Schwäche der chinesischen Exporte ist sicherlich auch ein Resultat der Stärke der Währung. Außerdem wurde der Schritt mit einer weiteren Flexibilisierung der Wechselkurse verknüpft, eine Maßnahme, die vom Internationalen Währungsfonds auch mit Blick auf Chinas Bestrebungen, den Yuan in den Währungskorb der Sonderziehungsrechte einzubinden, durchaus begrüßt wurde. Auch der Rückgang des vom unabhängigen Datenanbieter Markit erhobenen Industrieklimas (Einkaufsmanagerindex) auf ein 6-Jahres-Tief sollte als Krisenindikator nicht überbewertet werden. Hier muss bedacht werden, dass es sich bei diesem Indikator um einen umfragebasierten Stimmungswert handelt und die Stimmung durchaus von der dramatischen Börsenentwicklung vorübergehend negativ beeinflusst sein kann. Hinzu kommt, dass auch die Explosionen in Tianjin vor einigen Tagen die Aussichten für die Industrie zeitweilig trüben dürften. Schließlich ist einer der größten Häfen der Volksrepublik betroffen, was den Außenhandel sicherlich beeinträchtigen wird. Insgesamt muss man aber festhalten, dass gerade der Einkaufsmanagerindex die tatsächliche Wachstumsverlangsamung in der Industrie in den vergangenen ein bis zwei Jahren unterschätzt hat, so dass das nun erreichte Niveau durchaus als eine Normalisierung verstanden werden kann.

Und schließlich sind sicherlich Sorgen angebracht, dass der Börsen-Crash negative Rückwirkungen auf die Konjunktur haben könnte. Völlig spurlos wird er wohl nicht an der Wirtschaft vorbeigehen. Die Bankbilanzen dürften durch steigende Kreditausfälle und Abschreibungen auf die zu Höchstkursen gekauften Aktien belastet werden. Ernstliche Probleme erwarten wir aber nicht, zumal die hauptsächlich staatlichen Institute auf die volle Finanzkraft Pekings zurückgreifen können. Auch der Konsum dürfte höchstens vorübergehend und auch nur geringfügig beeinträchtigt werden. Die Vermögensillusion durch den Aktienboom war nicht lang genug, um die Anschaffungslust der Verbraucher nachhaltig anzuschieben, weshalb nun umgekehrt auch nicht mit einem Einbruch des privaten Verbrauchs zu rechnen ist. Zwar lag beispielsweise der Autoabsatz im Juli sichtlich im Minus. Aber auch dies ist die Fortsetzung einer Entwicklung, die schon seit Monaten andauert und wohl eher auf die Anti-Korruptionskampagne Pekings zurückzuführen ist, als auf negative Vermögenseffekte.

Alles in allem können wir die eingangs gestellte Frage zwar nicht mit einem klaren „Nein“ beantworten – Sorgen um Chinas Konjunktur sind sicherlich nicht abwegig und sie sind in den vergangenen Wochen auch nicht weniger geworden. Das Ausmaß und die Heftigkeit, mit der sie aufgekommen sind, halten wir aber für völlig überzeichnet. Es stellt sich dabei die Frage, ob die Wachstumsabschwächung der vergangenen ein bis zwei Jahre so noch nicht ausreichend zur Kenntnis genommen wurde und erst jetzt mit den heftigen Börsenturbulenzen wahrgenommen wird. Der Reformkurs, den die chinesische Regierung bei ihrem Amtsantritt vor gut zwei Jahren eingeschlagen hat, belastet das Wachstum und es bleibt eine Herausforderung, die Wirtschaft auf dem moderaten Abwärtspfad zu stabilisieren. Wir sind aber nach wie vor davon überzeugt, dass Peking ausreichend Möglichkeiten hat, stabilisierend und stimulierend auf die Wirtschaft einzuwirken, weshalb wir unser Konjunkturbild auch weitgehend unverändert lassen: Chinas Wachstum schwächt sich allmählich ab – das ist die „neue Normalität“ des Landes, an die sich die Welt wohl erst noch gewöhnen muss.

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Ein Kommentar

johann Riekers

Als Privatebanker sind mir die Reports ganz wichtig und nützlich.

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