Rohöl: Zweite Niedrigpreisphase!

Angesichts des Wachstums der US-Schieferölindustrie hat Saudi-Arabien im Herbst 2014 die strategische Reißleine gezogen und seine Rolle als Swing-Produzent auf dem globalen Rohölmarkt aufgegeben. Bis dato hatte Saudi-Arabien dem Markt in Hochpreisphasen Rohöl über die Ausweitung der Produktion zugeführt und in Niedrigpreisphasen durch Produktionsverzicht entzogen.

Der Rückzug Saudi-Arabiens als Preisstabilisator der letzten Instanz ist in seinen Folgewirkungen für den Rohölmarkt nicht hoch genug einzuschätzen. In der „neuen Rohölwelt“ wird ein aus der Balance geratener Rohölmarkt nicht mehr durch die politische Entscheidung eines Preiskartells und den nachfolgenden Produktionsverzicht diverser staatlich kontrollierter Ölgesellschaften zügig wieder ins Gleichgewicht gebracht. Stattdessen wird die Synchronisation von Angebot und Nachfrage nun den über den Preismechanismus wirksam werdenden Marktkräften überlassen, was einen deutlich langsamer wirkenden Ausgleichsmechanismus darstellt.

Nach dem Schock über das neue saudische Rollenverständnis rauschte der Rohölmarkt im Herbst 2014 in Richtung Süden und konnte seinen Absturz erst im Januar 2015 bei rund 45 USD abbremsen. Da Saudi-Arabien mit Blick auf die Kostenstruktur diverser Non-OPEC-Produzenten und den Absturz der Explorationsaktivität in den USA offenbar der Meinung war, dass bei diesem Preisniveau bereits genügend Angebot von Hochkosten-Produzenten aus dem Markt gedrückt würde, begannen sie in der Folge den Markt allmählich wieder stark zu reden, so dass sich eine mehrmonatige Aufwärtsbewegung in Richtung 70 USD anschloss.

Obgleich die erste Niedrigpreisphase dazu geführt hat, dass geplante Rohöl-Megaprojekte von über 150 Mrd. USD abgesagt oder verschoben wurden, sorgte die flotte Preiserholung zwischen Februar und Mai dafür, dass die Tiefpreisimplikationen für die (noch) mit sinkenden Grenzkosten operierende US-Schieferöl-industrie verkraftbar blieben. Zwar spiegelt die US-Produktionskurve mittlerweile eine spürbare Wachstumsverlangsamung wider, aber das von Vielen erwartete Verschwinden der Hochkosten-Schieferölproduzenten vom Markt hat bis dato nicht stattgefunden. Offensichtlich setzte die Preiserholung aus Sicht der um ihr finanzielles Überleben ringenden Explorationsunternehmen gerade noch rechtzeitig ein, um sie zumindest vorerst auf dem Markt zu halten.

Der Marktbereinigungsprozess ist also wegen der zu frühen Preiserholung nicht vollendet; die Hochkostenanbieter kämpfen stattdessen um jeden Dollar Cashflow und halten die Produktion hoch. Deshalb ist eine weitere – und dieses Mal wohl auch deutlich ausdauerndere – Niedrigpreisphase in der Region von 40-50 USD wahrscheinlich.

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