EZB: Draghi spielt auf Zeit

Abwärtsrisiken für die Konjunktur- und Inflationsentwicklung

Zeigte sich EZB-Chef Draghi zur Juli-Zinssitzung noch recht zuversichtlich, dass die europäische Konjunkturerholung weiter an Tritt gewinnt, klang er heute mit dem Verweis auf gewachsene Abwärtsrisiken weniger optimistisch. Nach Ansicht der Notenbank könnte eine schwächere konjunkturelle Dynamik in den Entwicklungsländern die Weltkonjunktur bremsen. Eine Verlangsamung im Welthandel dürfte auch die konjunkturelle Erholung in der Eurozone belasten.

EZB-Stabsmitarbeiter senken Konjunktur- und Inflationsprojektionen

Diese Neueinschätzung der konjunkturellen Situation spiegelt sich auch in den nach unten revidierten Konjunkturprojektionen der EZB-Stabsmitarbeiter wider. Über alle Projektionshorizonte hinweg wurde der Ausblick für das BIP-Wachstum nach unten genommen. Erwartungsgemäß haben die EZB-Stabsmitarbeiter auch ihre Projektionen zur Entwicklung der europäischen Teuerung nach unten angepasst. Hierbei hat der anhaltende Verfall des Ölpreises den entscheidenden Einfluss gehabt.

Draghi betont grundsätzliche Handlungsbereitschaft der EZB

Im Vorfeld der Zinssitzung wurde marktseitig über eine mögliche Ausweitung des EZB-Anleiheankaufprogrammes spekuliert. Diese Erwartungen wurden zwar enttäuscht, doch hat Draghi an der grundsätzlichen Handlungsbereitschaft der Notenbank keine Zweifel gelassen. Sollte sich die Teuerung nicht wie gewünscht in Richtung des Inflationsziels entwickeln, ist weiterhin eine Verlängerung oder Aufstockung des PSPP denkbar. Einstweilen scheint die Notenbank fest entschlossen zu sein, das Ankaufprogramm planmäßig bis zumindest September 2016 fortzuführen. Die Anhebung des Emissionslimits von 25% auf 33% ist unserer Einschätzung nach auch ein klares Signal dafür, dass die EZB das Ankaufprogramm nach Bedarf flexibel anpassen kann und bereit ist, das im Zweifel auch zu tun.

Auch wenn der Draghi grundsätzlich die Tür für weitere EZB-Maßnahmen offen hält, spielt er zunächst auf Zeit in der Hoffnung, dass eine mit Blick auf das Jahresende wieder allmählich ansteigende Teuerung Spekulationen über eine Ausweitung des PSPP wieder in den Hintergrund rückt. Grundsätzlich muss sich die EZB allerdings fragen lassen, was die quantitative Lockerung bisher gebracht hat und ob sie überhaupt versuchen sollte, ölpreisbedingten Inflationsrückgängen durch eine noch expansivere Geldpolitik zu begegnen.

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