Rohstoffe: Datentransparenz wäre hilfreich

Als Reaktion auf die massiven Agrarpreisanstiege in den Jahren 2007/08 und 2010/11 wurde auf Initiative der G20-Gruppe im Jahre 2011 die Gründung des Agricultural Market Information System (AMIS) beschlossen. Hierbei handelt es sich um eine institutionen-übergreifende Informationsplattform, welche die Markttransparenz grundsätzlich erhöhen und die internationale Politik-Koordination (insbesondere in agrarischen Krisenzeiten) verbessern soll. Der aus zehn Research-Institutionen bestehende und von 28 Staaten getragene Plattformverbund veröffentlicht einmal im Monat einen Marktbericht, den „AMIS Market Monitor“, der die wichtigsten Entwicklungen rund um die Big-4-Agrarpflanzen – Mais, Reis, Sojabohnen und Weizen – nebst entsprechenden Statistiken enthält. Ein konzeptioneller Webfehler der „Transparenz-Plattform“ ist sicherlich, dass die USA das Projekt als G20-Mitglied zwar politisch mit unterstützen, das – am Kapitalmarkt als „Analyse-Goldstandard“ angesehene – US-Agrarministerium (USDA) aber nicht zu den zehn Research-Institutionen gehört, die AMIS mit numerischem Leben füllen.

Vor wenigen Minuten liefen nun die aktualisierten AMIS-Agrarschätzungen für das Erntejahr 2015/16 über die Nachrichten-Ticker. Inmitten des genauso umfang- wie detailreichen Datenpaketes lässt dabei vornehmlich die Schlagzeile aufhorchen, dass die globale Maisernte des 2015/16er-Jahrgangs nach den neuesten Erkenntnissen des Institutionen-Verbundes 1.011 Mio. MT betragen wird. Diese singuläre Zahl ist insbesondere deshalb interessant, weil das USDA in seinen Mitte August veröffentlichten „World Agricultural Supply and Demand Estimates“ (WASDE) „nur“ von 986 Mio. MT ausgeht. Bedeutet dies also nun, dass sich die Ernteaussichten des globalen Dorfs binnen eines einzigen Monats um 25 Mio. MT verbessert haben, weil sich beispielsweise der Wettergott in den zurückliegenden vier Wochen von seiner besonders konsumentenfreundlichen Seite gezeigt hat? Mitnichten! Steigt man tiefer in die Details der veröffentlichten Daten ein, merkt man ziemlich schnell, dass die beiden meist beobachteten Agrarstatistiken (AMIS und WASDE) zumindest in einigen nicht unwesentlichen Teilbereichen unterschiedliche Zahlen bzw. differente Erntejahres-Definitionen verwenden.

Allein die unterschiedliche Erntejahres-Abgrenzung für Brasilien erhöht die 2015/16er-AMIS-Produktionsschätzung um ~5 Mio. MT. Auch für Argentinien gilt der Vorbehalt der unterschiedlichen Erntejahres-Definition. Obgleich allein dieser „Abgrenzungs-Effekt“ nach unserer Schätzung bereits für eine Produktionsüberschätzung von 2-3 Mio. MT sorgt, wiegt ein anderer Aspekt noch deutlich gravierender. So greift AMIS für Argentinien auf die offiziellen Statistiken des argentinischen Agrarministeriums zurück. Deren Verlässlichkeit darf man aber sehr wohl als zweifelhaft ansehen. So liegen die offiziellen Ministeriumsschätzungen seit Beginn der zweiten Amtszeit von Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner um 7-8 Mio. MT oberhalb der Taxwerte privater Institutionen. Als weiteres Statistik-Bonbon sei auf die Produktionsschätzungen für Indonesien hingewiesen. Während AMIS für 2015/16 von einer Erzeugungsmenge von 21 Mio. MT ausgeht, schätzt das USDA das Output-Volumen auf 10 Mio. MT.

Unterm Strich darf man zwei Dinge festhalten: Erstens sollte man gerade auf dem Rohstoffmarkt durch sorgfältige Datenanalyse sichergehen, dass man nicht Äpfel mit Birnen vergleicht! Zweitens ist der Weg zu ausreichender Datentransparenz wohl noch etwas weiter als gedacht.

 

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Ein Kommentar

Es ist offensichtlich, dass man die aktuelle AMIS-Schätzung nicht mit der Vormonat-Schätzung WASDE vergleichen kann. Es wäre vielleicht besser gewesen, die aktuelle WASDE-Schaätzung abzuwarten und dann beides zu vergleichen. Interessanter ist ohnehin die Tendenz der monatlichen Schätzungen zu vergleichen statt einzelner Berichte.
Im übrigen begrüße ich, dass es nicht nur eine Schätzung gibt. Jede Schätzung bedeutet eine Interpretation von Ereignissen und diese können naturgemäß unterschiedlich sein. Wichtig ist, dass man nachvollziehen kann, wie es zu den Schätzungen gekommen ist. Eine Zusammenführung WASDE und AMIS erhöht keineswegs die Transparenz, im Gegenteil. Es verstärkt nur den möglichen Fehler, wenn die Schätzungen denn falsch liegen

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