Flüchtlingskrise – kurzfristige und langfristige Folgen

Der Strom der Flüchtlinge scheint nicht zu versiegen. Kein Tag vergeht ohne neue Nachrichten zu dem Thema. Wir sehen auch, wie die Lebenssituation vieler Menschen im Nahen Osten von Tag zu Tag kritischer wird, und können die Motive für die Fluchtbewegung nachvollziehen. Dass Deutschland zum Hauptzielland geworden ist, ist ebenfalls nicht überraschend und zeigt, dass die hierzulande herrschenden wirtschaftlichen und sozialen Standards – und nicht zuletzt das Ausmaß an individueller Freiheit – unser Land weltweit attraktiv machen. Erstaunlich ist eher, dass das Gefälle in der wirtschaftlichen und humanitären Lage nicht schon früher solch massive Wanderungsbewegungen ausgelöst hat. Die Nachrichten über die Entwicklung der politischen Situation in Syrien und dem übrigen Wirkungsgebiet der IS machen wenig Hoffnung, dass sich die Lage in absehbarer Zeit wieder verbessern wird, so dass man mit einem Anhalten des Flüchtlingsstroms rechnen muss.

Was bedeutet das für Deutschland mittel- und langfristig?

Zurzeit rechnet man mit einer Zahl von 800.000 bis 1 Mio. Flüchtlingen in diesem Jahr. Nach einer Schätzung des Arbeitsministeriums erfüllen etwa nur 10% davon die Voraussetzungen für eine schnelle Integration in den Arbeitsmarkt. Nur ein kleiner Teil kann also schnell eine qualifizierte Beschäftigung finden, und die Anzahl unbesetzter Stellen – aktuell knapp 600.000 – wird dadurch nicht wesentlich sinken. Die nicht schnell vermittelbaren Neuankömmlinge stellen für unser Land eine große Integrationsaufgabe dar, die auch kostspielig werden wird. Finanzminister Schäuble hat bereits angedeutet, dass es wegen der hohen Zahl der Flüchtlinge nicht zu einer Aufweichung der Haushaltziele kommen soll, sondern dass Mehrausgaben an anderer Stelle eingespart werden sollen. Somit dürften die Aufwendungen für die Integration mittelfristig keinen spürbaren Wachstumseffekt mit sich bringen. Falls jedoch die höheren Ausgaben nicht vollständig im Fiskalhaushalt kompensiert werden, dann kann man entsprechend einen leicht positiven Wachstumseffekt erwarten. Auf lange Sicht könnte die Einwanderung aber einen deutlichen und nachhaltigen positiven Effekt auf das Wirtschaftswachstum ergeben, wenn die neuen Arbeitskräfte helfen, den herrschenden Facharbeitermangel zu beheben. Voraussetzung dafür ist aber eine erfolgreiche Integration.

Eine andere Lehre aus den jüngsten Ereignissen ist, dass Deutschland nun auch endlich über ein praktikables Einwanderungsregelwerk nachdenken muss. Zusammen mit den Menschen, die aus humanitären Gründen ihre Heimat verlassen, sind auch viele Wirtschaftsflüchtlinge nach Deutschland gekommen, die keinen Anspruch auf Asyl haben. Nach der aktuellen Gesetzeslage müssen diese wieder in ihre Heimatländer zurückkehren. Aber es ist legitim zu überlegen, ob man nicht denjenigen, die über hierzulande gefragte Fachkenntnisse verfügen und die sich entsprechend leicht in den Arbeitsmarkt und die Gesellschaft integrieren könnten, auch dauerhaft Aufenthaltsrecht gewähren sollte. Entsprechend hilfreich wäre es, auch in der aktuellen Lage klar zwischen Flüchtlingen und Einwanderung zu unterscheiden.

Sicherlich ist ein Anhalten des Zustroms an Flüchtlingen auf dem jetzigen Niveau gesellschaftlich und politisch nicht auf Dauer zu verkraften. Je mehr die Grenzen dieser Entwicklung sichtbar werden, desto mehr dürfte die Politik wieder zu einer restriktiveren Einstellung tendieren, wie man bereits am Wochenende beobachten konnte. Es ist auch zu befürchten, dass die beeindruckend positiven Reaktionen in der deutschen Bevölkerung sich nach und nach ändern. Wir müssen uns aber darauf einstellen, dass der Strom der Flüchtlinge wahrscheinlich abebben, aber nicht gänzlich versiegen wird. Deutschland wird sich in den kommenden Jahren entsprechend verändern.

Das ist eine erhebliche Herausforderung, aber auch eine große Chance. Es sollte grundsätzlich keinen Zweifel daran geben, dass unser Land dies bewältigen kann. Die deutsche Nachkriegsgeschichte ist gekennzeichnet von großen Migrationsbewegungen: der Zuzug von über 15 Millionen Deutschstämmigen (Spätheimkehrern und Umsiedlern) aus Osteuropa und der ehemaligen Sowjetunion oder die Ankunft von rund 14 Millionen „Gastarbeitern“ und Familienangehörigen. Heute leben in Deutschland rund 11 Millionen Menschen, die eingewandert sind, und rund 16 Millionen mit Migrationshintergrund.

Die Zukunftsvision eines Landes, in dem „deutsche Tugenden“ und wirtschaftliche Stärke sich paaren mit zunehmender Vielfalt, Kreativität und Pragmatismus, sollte ein Ansporn sein, jetzt alle Kräfte für die Integration der Neuankömmlinge einzusetzen.

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Ein Kommentar

Helfen, finde ich gut! Wir müssen aber auch realistisch bleiben.Wie das gehen soll, daß wir allen Flüchtlingen Bildung und Arbeitsplätze verschaffen sollen, könnte kompliziert werden.Also werden die Arbeitslosenzahlen steigen, ebenso die Mietpreise, die Krankenversicherungsbeiträge, die Lebensmittelpreise, die Immobilienpreise und die Zinsen werden hoch gehen.Alles in Allem, ein hoher Preis für diese Hilfe.Darüber hinaus ist noch gar nicht klar, wie Viele noch kommen werden.Wir sind mit 80 Millionen Bundesbürgern schon stark besiedelt. Deutschland ist mit 2,2 Billionen Euro verschuldet. Das sind die Fakten.Die meisten Flüchtlinge sind niedrig qualifiziert und genau in diesem Sektor haben wir fast Vollbeschäftigung. Wir brauchen Ingenieure, Ärzte, Physiker und Wissenschaftler.Diese Sparten können wir mit Flüchtlingen leider nicht besetzen. Wo soll das hinführen? Dann kommen auch noch die unterschiedlichen Religionen zum Tragen.

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