Wohnungsknappheit in den Großstädten kann durch Flüchtlingszustrom noch verschärft werden

Die Wohnungsmarktsituation ist in vielen deutschen Großstädten seit geraumer Zeit angespannt. Für die wachsenden Einwohnerzahlen werden mehr Wohnungen benötigt als gebaut werden – trotz steigender Neubauzahlen. Leerstehende Wohnungen, die den Nachfrageüberhang abfangen könnten, sind auch kaum noch vorhanden. Schon jetzt liegen die Leerstandsquoten zum Teil unter einem Prozent des vermietbaren Bestandes. Diese Situation hat in den letzten Jahren zu kräftigen Mietsteigerungen geführt, die die Politik zum Eingriff in den Wohnungsmarkt veranlasst hat: Seit Juni gilt die Mietpreisbremse. Das ursächliche Problem – fehlende Wohnungen – wird durch dieses Instrument allerdings nicht kleiner.

Während in den letzten Monaten Lösungsansätze zu Bekämpfung der Wohnungsknappheit diskutiert wurden, hat das Problem fehlenden Wohnraums eine neue Dimension erreicht. Denn der gewaltige Flüchtlingszustrom wird nun zusätzlich auf den Wohnungsmarkt treffen. Leer stehende Wohnungen sind zwar grundsätzlich deutschlandweit in größerer Zahl vorhanden. Nur befinden sich diese vor allem in ländlichen Regionen und strukturschwachen Städten. Hier wird die ohnehin nicht einfache Integration der Neubürger aufgrund fehlender Arbeitsplätze noch schwieriger. Und ein Wohnort in Abwanderungsregionen dürfte auch nicht dem Wunsch vieler Zuwanderer entsprechen. Am wahrscheinlichsten ist es, dass sich ein erheblicher Teil der Flüchtlinge in den prosperierenden Großstädten und Metropolen ansiedeln wird, also dort, wo Wohnungen bereits jetzt Mangelware sind.

Was bedeutet das für den Wohnungsmarkt? Die in Berlin durchgeführte Beschlagnahmung von Immobilien – auch Hamburg erwägt diesen Schritt – zeigt jedenfalls, wie groß die Not schon jetzt ist. Das untermauern auch einige Zahlen am Beispiel der sieben größten deutschen Städte von Berlin bis Stuttgart. Dank des wieder in Schwung gekommenen Wohnungsbaus wurden 2014 rund 34.000 Wohnungen fertig gestellt. Dem stand allerdings ein Bevölkerungszuwachs von 125.000 Menschen – 45.000 allein Berlin – entgegen, sodass angesichts vieler Einpersonenhaushalte rechnerisch eher die doppelte Fertigstellungszahl angemessen wäre. Diese ist aufgrund fehlender Bauflächen aber kaum erreichbar. Dazu kommt nun aber noch der Wohnraumbedarf der Asylbewerber. Der wäre schon erheblich, wenn von ihnen das Achtel auf die sieben Städte entfällt, das dem Anteil der Metropolen an der Gesamtbevölkerung entspricht. Die tatsächliche Relation dürfte mit Blick auf die hohe Wirtschaftsleistung der Städte aber sogar noch größer sein.

Das betrifft nicht alle Marktbereiche gleichermaßen. Viel gebaut wurde im gehobenen und oberen Preissegment. Hier wird sich die durch die neue Situation steigende Wohnungsnachfrage aber kaum auswirken. Ein weiterer Schub bei Preisen und Mieten ist deshalb nicht zu erwarten. Dagegen wird das Gerangel um preiswerte Bestandswohnungen voraussichtlich spürbar zunehmen. Aber auch hier ist ein starker Mietanstieg unwahrscheinlich, wenn die Mietpreisbremse greift. Allerdings könnte die Situation eintreten, dass Vermieter bevorzugt Wohnungen für Asylbewerber bereitstellen, etwa weil durch die Kommunen als Mieter der Mieterschutz oder die Mietpreisbremse nicht wie sonst üblich angewendet werden. Das könnte die Wohnungssuche der heutigen Einwohner noch erschweren und würde sicher nicht die Willkommensmentalität in der Bevölkerung stützen.

Eine einfache und schnelle Lösung ist nicht in Sicht, auch weil sich der Wohnungsmangel über viele Jahre kumuliert hat. Mit dem Füllen von Baulücken und Gewerbebrachen werden sich die erforderlichen Neubauzahlen kaum erreichen lassen. Also werden die Städte wohl oder übel einen Teil bislang sakrosankter Flächen opfern müssen. Aber auch das birgt Risiken. Rasch hochgezogene Großsiedlungen können die sozialen Brennpunkte von morgen sein. Nach unserer Prognose werden die Großstädte trotz größter Anstrengungen noch längere Zeit mit einem ausgeprägten Wohnungsmangel zu tun haben. Deshalb sollte auch niemand erwarten, dass das Wohnen hier in der näheren Zukunft erschwinglicher wird.

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2 Kommentare

Sie sollten an den Berliner Senat appelieren, er möge doch (mithilfs des Bundes und Landes) das Gelände des
ehem. Flughafen „Tempelhof“ mit Wohnhäusern, Geschäften, Ärztehäusern etc. bebauen!! Ist doch toll, dass die
Infrastruktur bereits vorhanden ist (Wasser, Abwasser, Strom, Gas usw.)! Für Skateborder und Drachensteigen ist das Gelände doch viel zu schade! Oder? EIn bis zwei Eurofighter weniger – und es wäre machbar.
Man sollte sofort anfangen! – Aber bitte keine Slum-Viertel errichten, sondern Qualitätswohnungen! Sonst schaffen wir nur ein neues, noch größeres größeres Präkariat-Problem!, mit den bekannten Folgen.
Gibt es noch andere Brachflächen in und bei Berlin? Man bedenke: das Flüchtlingsproblem bringt uns einen
Bevölkerungszuwachs einer Millionen-Großstadt – jeweils JAHR für JAHR !!!
Mit freundlichem Gruß (und der Bitte um Antwort!) Uwe Fielitz

Stefan Bielmeier

Sehr geehrter Herr Fielitz,
vielen Dank für Ihren Kommentar. Es freut mich, dass mein Beitrag auch zu Gedanken über mögliche Lösungsansätze zu der Thematik animiert hat.
In unseren Gesprächen mit Vertretern von Politik und Verwaltung geben wir immer auch Hinweise, wie bestehende Herausforderungen aus volkswirtschaftlicher Sicht angegangen werden können. Auf der Ebene einzelner Maßnahmen können jedoch Bürger und Behörden vor Ort am besten einschätzen, welche Schritte konkret geeignet sind.
Beste Grüße
Stefan Bielmeier

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