Wohnungsmärkte in Europa: Hinter der insgesamt moderaten Preisentwicklung verbergen sich Risiken

Im zweiten Quartal lagen die aggregierten Wohnungspreise im Euroraum 1,2 Prozent höher als im vorangegangenen Drei-Monats-Zeitraum. Auf Jahresbasis konnte sich der Preisanstieg damit auf 1,1 Prozent beschleunigen, der höchste Wert seit Mitte 2011. Im deutlich größeren Länderkreis der Europäischen Union ist das Quartalsplus mit 1,3 Prozent etwas gleich stark wie in der Eurozone ausgefallen. Allerdings fällt hier die Jahresveränderungsrate mit 2,3 Prozent aufgrund des relativ hohen Preisanstiegs in Großbritannien, Dänemark und Schweden mehr als doppelt so hoch aus. Neben dem erfreulichen Befund, dass die Wohnungsmärkte in Europa ihre schwere Krise überwunden haben, zeigen die vierteljährlich von Eurostat veröffentlichten Hauspreisdaten aber auch, dass nicht alle Länder auf Wachstumskurs sind und dass die Blasenneigung zunimmt.

Die Immobilienmärkte, die im Fokus der europäischen Immobilienmarktkrise standen, weisen heute wieder steigende Preise mit zum Teil erneut kräftigen Zuwachsraten auf. Eher gemächlich geht es in den Niederlanden mit 2,4 Prozent voran. Im krisengeschüttelten Spanien geht es mit 4,0 Prozent etwas schneller bergauf. Noch flotter ziehen die Preise in Großbritannien, Dänemark und Irland mit 5,6 Prozent, 7,5 Prozent und fast 11 Prozent an. Damit hat sich die Dynamik der Wohnungsmärkte in Großbritannien und Irland allerdings schon etwas verlangsamt, während sich der Preisauftrieb in Dänemark beschleunigt.

Im Minus sind dagegen nach wie vor die Preise für Häuser und Wohnungen in Frankreich und Italien. Auf Jahressicht sanken hier die Preise um -2,2 Prozent beziehungsweise -3,0 Prozent. Im Unterschied zu den zuvor genannten Ländern sind die eigentlich robusten Immobilienmärkte von Frankreich und Italien ohne größere Blessuren durch die Krisen der letzten Jahre gekommen. Dass sich die Märkte nun seit einiger Zeit im Rückwärtsgang befinden, ist weniger vorangegangenen Übertreibungen, sondern vor allem der hartnäckigen Wachstumsschwäche und der anhaltend hohen Arbeitslosigkeit in beiden Ländern geschuldet.

Und wie sieht es in Deutschland aus? Diese Frage lässt sich für das zweite Quartal nicht beantworten, denn die Daten für den deutschen Markt stehen nur zeitverzögert zur Verfügung. Im ersten Quartal wies die Jahresveränderungsrate mit 3,8 Prozent eine solide Dynamik, aber kein Besorgnis erregendes hohes Tempo auf. Diese Größenordnung ist für das zweite Quartal wie auch den Rest des laufenden Jahres realistisch. Die gute Einkommensentwicklung, der robuste Arbeitsmarkt und die günstigen Finanzierungsbedingungen sprechen für eine Fortsetzung der bisherigen Marktentwicklung.

Damit ergibt sich ein insgesamt gemischtes Bild vom europäischen Immobilienmarkt. Erfreulich ist die allmähliche Erholung in Spanien und den Niederlanden, aber auch der vergleichsweise moderate Aufwärtstrend in Deutschland und Österreich. Bedenklich stimmt dagegen die Marktschwäche in Frankreich und Italien, weil bislang nicht einmal die günstigen Finanzierungsbedingungen den Preisrückgang stoppen konnten. Insgesamt kritisch ist auch die Gruppe europäischer Wohnungsmärkte zu sehen, in der sich ein hohes Preisniveau, ein starker Preisanstieg und eine ausgeuferte Verschuldung der privaten Haushalte kombinieren. Dazu zählen insbesondere die nordeuropäischen Länder Dänemark, Norwegen und Schweden, aber durchaus auch Irland. Auch deshalb ist es gut, dass Zentralbanken und Aufsichtsbehörden heute weitaus stärker als früher Immobilienmarktrisiken im Blick haben. Und sie schärfen ihre Steuerungsinstrumente wie beispielsweise verschärfte Kreditvergabestandards. Es ist aber keineswegs sicher, dass sich die Blasengefahr, die von den dauerhaft niedrigen Zinsen ausgeht, auch tatsächlich beherrschen lässt.

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