China: Aktueller Wachstumstrend stabil, aber niedriger als gemeldet

Mehr denn je sahen sich Chinas Statistiker in diesem Monat wohl mit dem Dilemma konfrontiert, eine Wachstumsrate für das abgelaufene Quartal zu melden, die die erheblichen Konjunktursorgen der vergangenen Monate nicht weiter befeuert, wodurch erneut Druck auf den labilen Aktienmarkt ausgeübt werden könnte, gleichzeitig aber auch nicht die bereits stark beschädigte Glaubwürdigkeit der chinesischen Statistik völlig zunichtemacht. Das Ergebnis der Peking weisungsgebundenen Behörde liest sich nun wie folgt: Die chinesische Wirtschaft ist im dritten Quartal um 6,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr gewachsen – damit wurde die schwächste Rate seit Anfang 2009, dem Tiefpunkt der Wirtschaftskrise, berichtet, gleichzeitig eine Verlangsamung des Wachstumstempos im Vergleich zum vorangegangenen Quartal und ein Wert unterhalb der offiziellen Zielgröße von 7 Prozent. Andererseits: Die Abschwächung gegenüber dem zweiten Quartal, dessen Wachstum mit 7 Prozent beziffert wurde, ist marginal und die Abweichung vom Zielwert konform mit der Wortwahl der chinesischen Regierung, ein Wachstum von „etwa 7 Prozent“ in diesem Jahr zu erreichen. Wichtig auch, dass die Markterwartungen, die ein Wachstum von 6,8 Prozent veranschlagt hatten, leicht übertroffen wurden. Die Botschaft der jüngsten Zahlen lautet also, dass sich die Wirtschaft weiterhin in stabilem Fahrwasser bewegt. Unterstrichen wird dies durch die vierteljährliche Wachstumsrate, die mit 1,8 Prozent gegenüber dem Vorquartal eine unveränderte Wachstumsdynamik anzeigt, und, wenn man sie auf das Jahr hochrechnet, mit 7,4 Prozent sogar vergleichsweise robust ist.

Also, alles gut in China? Das Bild ist gemischt. Angesichts der Bedeutung Chinas für die Weltwirtschaft als zweitgrößte Volkswirtschaft und als wichtigster Handelspartner zahlreicher Schwellenländer und Länder des asiatisch-pazifischen Raums ist es unumgänglich, einen Blick über die politisch stark eingefärbten BIP-Zahlen hinaus auf diverse andere Wachstumsindikatoren zu werfen, wie beispielsweise die Industrieproduktion, den Einzelhandel oder die Bautätigkeit. Wir haben unlängst diese und weitere Einzelindikatoren in einem Indikator zusammengefasst, um uns einen relativierenden Eindruck von Chinas aktueller Wachstumsdynamik zu verschaffen. Dabei die gute Nachricht zuerst: Der Indikator zeigt für die zurückliegenden Sommermonate tatsächlich eine relativ stabile Entwicklung an. Zwar haben sich Industrieproduktion und Wohnungsbau weiter abgeschwächt – letzterer ist sogar erstmals gegenüber dem Vorjahr geschrumpft. Ein Gegengewicht hierzu bildet aber die Entwicklung im Servicesektor, was durchaus im Einklang mit der gewünschten Restrukturierung der Wirtschaft weg von einem industrie- und investitionsgetriebenen Wachstum hin zu einer Dienstleistungsgesellschaft steht. Allerdings deutet der Indikator auch darauf hin, dass sich das aktuelle Wachstumsniveau derzeit eher im Bereich von 5 bis 6 Prozent bewegt und nicht wie gemeldet bei knapp 7 Prozent liegt. Dabei war die Verlangsamung des Wachstums ein stetiger Prozess in den vergangenen Jahren, der in den offiziellen BIP-Zahlen jedoch zunehmend schlechter abgebildet wurde. Vor allem im zurückliegenden Winterhalbjahr scheint das BIP-Wachstum noch einmal stärker abgebremst zu haben. Seitdem, also im Frühjahr und Sommer dieses Jahres, scheint es sich aber entgegen der allgemein pessimistischen Wahrnehmung wieder auf einem relativ stabilen Pfad bewegt zu haben. Darauf deutet auch die Entwicklung der Importe hin, die momentan nur in nominalen Größen weit unter ihren Vorjahreswerten liegt, in realer Rechnung, also unter Berücksichtigung der deutlich gefallenen Rohstoffpreise, inzwischen aber wieder leicht positive Wachstumsraten aufweist.

Wie sehr man den offiziellen Zahlen Chinas – sicherlich nicht zu Unrecht – auch mit Skepsis begegnet, einen Schluss darf man aus dem aktuellen Datenkranz unseres Erachtens durchaus ziehen: Er liefert kaum Belege dafür, dass die Panik vom Sommer, die von einem bevorstehenden konjunkturellen „hard landing“ in China ausging, angemessen war. Vermutlich hätte sich das Wachstum in den vergangenen Monaten weniger robust entwickelt, wenn Peking die Konjunktur nicht durch diverse Maßnahmen stabilisiert hätte, die, anders als in vergangenen Jahren nicht medienwirksam zu einem „Fiskalpaket“ geschnürt oder als „Mini-Stimulus“ etikettiert wurden. Aufgefallen ist die chinesische Regierung vielmehr mit ihren teilweise schon abenteuerlich anmutenden Eingriffen in den Aktienmarkt und der ungeschickt kommunizierten Abwertung. Wichtig waren gleichwohl vor allem die deutlichen geldpolitischen Lockerungen, die seit etwa einem Jahr schrittweise durchgeführt werden und erst allmählich ihre stimulierende Wirkung entfalten. Hinzu kommen aktuell Maßnahmen, wie die Halbierung der Mehrwertsteuer für Kleinwagenkäufe, Erleichterungen beim Eigenheimkauf und Infrastrukturinvestitionen, die das Wachstum bereits im September gestützt haben, vor allem aber im laufenden Quartal stabilisieren dürften. Grundsätzlich jedoch zeigt der Wachstumstrend Chinas weiter moderat abwärts und Peking wird nicht umhin kommen, auch in den kommenden Quartalen nachgebende Wachstumsraten zu melden sowie die Wachstumsziele sukzessive nach unten zu schrauben. Dies ist angesichts der geplanten Reformpolitik, der Restrukturierung der Wirtschaft und der demografischen Entwicklung nicht anders vorstellbar. Wir gehen für dieses Jahr von einem „offiziellen“ Wachstum von 6,8 Prozent und im kommenden Jahr von 6,5 Prozent aus – das tatsächliche Wachstum dürfte aber weiterhin darunter liegen.

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