Rückschlag beim DAX übertrieben

Dass Aktienmärkte von Zeit zu Zeit manisch-depressiv Charakterzüge aufweisen können, hat sich in den vergangenen sechs Wochen eindrucksvoll bestätigt. So wurden Ende November die Aussichten für die Aktienmärkte in 2016 noch mehrheitlich positiv beurteilt, heute dominieren hingegen Besorgnis und Frustration das Geschehen. Die fundamentale Ausgangslage für die Aktienanlage stellt sich dabei heute nicht wesentlich anders dar als noch vor wenigen Wochen. Die Ereignisse in China und am Rohölmarkt zu Jahresbeginn erscheinen uns, wie in verschiedenen Publikationen ausführlich dargelegt, als langfristige „Bedrohung“ für die Aktienmärkte nicht bedeutsam genug. Im Gegenteil: Ein niedriger Rohölpreis dürfte mittelfristig positive Effekte für die meisten Volkswirtschaften entfalten, weil er wie eine Konsumsteuersenkung wirkt. Ein langfristig gedrücktes Börsenniveau wäre damit – auch in Anbetracht der niedrigen Kapitalmarktzinsen – ungerechtfertigt.

Unverändert gilt, dass Aktien aussichtsreicher als Anleihen erscheinen, denn das niedrige Zinsniveau dürfte unverändert Bestand haben und das Sortiment an Anlagealternativen somit begrenzt bleiben. Gleichzeitig entwickeln sich die Gewinne deutscher Unternehmen volatiler als in der Vergangenheit, bleiben aber voraussichtlich auf dem hohen Niveau der vergangenen Jahre. Auch geht es den deutschen Unternehmen auf Mikroebene weiterhin sehr gut (z.B. Verschuldung), so dass die zukünftige Dividendentragfähigkeit heute mehr als gesichert erscheint.

Die negativen Auswirkungen des abstürzenden Rohölpreises und der anderen sich im Sinkflug befindlichen Rohstoffpreise auf Unternehmen/Aktien sollten dabei keinesfalls vernachlässigt werden. Zum einen gibt es einen direkten Übertragungsmechanismus auf die entsprechenden Unternehmen der Rohstoffbranche. Deren Aktienkurse sind jedoch schon deutlich gefallen, speziell in den USA, in denen der Energiebereich eine bedeutende Rolle einnimmt. In Europa und in Deutschland sind die Aktienkurse der betroffenen Unternehmen ebenfalls stark unter Druck geraten, jedoch ist die Relevanz dieser Gesellschaften für die Marktindizes ungleich geringer. Für Unternehmen außerhalb der Rohstoffsektoren sind die fallenden Ölpreise mehrheitlich positiv, weil niedrige Kosten für Energie positiv auf die Konsumnachfrage wirken.

Zudem gibt es indirekte Negativwirkungen der Rohstoff-Baisse, die sich momentan bei vormals überhitzten Assetklassen entlädt und auch über die Marktstimmung zur aktuellen Unsicherheit an den Aktienmärkten beiträgt. Dazu gehört unter anderem der Stress hochverzinslichen Anleihen, speziell in den USA. Hier ist in Anbetracht des zwischenzeitlich weiter gefallenen Ölpreises auch zukünftig mit negativen Nachrichten zu rechnen, so dass die Volatilität (=Unsicherheit) vorerst hoch bleiben sollte. Bislang gibt es jedoch keine Anzeichen, dass die teilweisen vorherrschende Panik in diesen Segmenten auf andere Assetklassen überspringt.

Die aktuelle Marktreaktion an den Aktienmärkten ist aus unserer Sicht übertrieben und war sicherlich auch zurückzuführen auf wenig Liquidität, schnell ausgeschöpfter Risikobudgets und Unwissenheit vieler Marktakteure zu den Ereignissen in China zu Jahresbeginn. Wir hatten in der Vergangenheit mehrfach kommuniziert, dass das Niveau um 9.400/9.500 DAX-Punkte für Käufe aussichtsreich ist. In diesem Bereich notiert der DAX erstmalig seit Oktober 2015 wieder bei einem KGV-2016e von 12,1 (Dividendenrendite 3,2%), so dass in Anbetracht der weiteren Konjunkturaussichten wieder eine ausreichende Sicherheitsmarge für eine mögliche Fehleinschätzung bei Investitionen gegeben ist. Kurzfristig dürfte die Volatilität am Aktienmarkt noch erhöht bleiben, auch weil die Berichtssaison in den USA und Europa durchaus noch die eine oder andere herbe Enttäuschung bringen könnte. In diesem Fall sind bei Einzeltiteln ähnliche Kursreaktionsmuster wie im vergangenen Quartal möglich, d.h. kurzfristig drohen „Abstrafungen“ nach Berichtsdaten, bevor eine sukzessive Erholung einsetzt. Nichtsdestotrotz erwarten wir, dass mittelfristig die Nachfrage nach Aktien wieder steigen wird, insbesondere weil a) die aktuelle Besorgnis ein Stück weit verschwinden sollte, b) die Anlagealternativen rar gesät bleiben und c) die Gewinnperspektiven und Dividendenausschüttungen der Unternehmen stabil bleiben.

 

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