China: Wirtschaft im Schlussquartal 2015 in stabilem Fahrwasser

Chinas volatile Aktienmärkte und die Sorgen um die dortige Konjunktur haben die internationalen Finanzmärkte in den vergangenen Wochen erneut in Atem gehalten. Die Veröffentlichung der Wachstumsdaten für das zurückliegende Schlussquartal 2015 und zahlreicher Konjunkturindikatoren für den Dezember am heutigen frühen Morgen kam deshalb einer Nagelprobe gleich: Würde die Angst vor einem „hard landing“ in der zweitgrößten Volkswirtschaft neue Nahrung erhalten? Nein! Die Märkte haben erstaunlich gelassen auf die neuen Zahlen reagiert.

Positive Überraschungen haben die Daten zwar nicht geliefert, insgesamt sind sie allerdings auch reichlich unspektakulär ausgefallen. So hat das Wirtschaftswachstum den offiziellen Angaben zufolge im vierten Quartal weiter leicht von 6,9 Prozent im Vorquartal auf nun 6,8 Prozent abgebremst. Das ist zwar das niedrigste Wachstumstempo seit fast sieben Jahren, deutet aber nach wie vor eine stabile Wachstumsdynamik an. Für das Gesamtjahr 2015 weist das chinesische Statistikamt mit einem Wachstum von 6,9 Prozent sogar den tiefsten Wert seit 25 Jahren aus. Nach 7,3 Prozent in 2014 stellt sich aber auch diese Wachstumsabschwächung als moderat dar.

Sicherlich sind auch jetzt Zweifel an der Exaktheit der gemeldeten Daten angebracht. Gerade die immer stärker beachteten BIP-Zahlen können kaum von dem Verdacht politischer Einflussnahme freigesprochen werden – zu starr und zu konform mit den offiziellen Zielvorgaben hat sich ihr Verlauf in den letzten Jahren gezeigt. Eigene Schätzungen, die wir mit alternativen und unserer Ansicht nach glaubwürdigeren Konjunkturindikatoren vorgenommen haben, kommen zu dem Ergebnis, dass das Wirtschaftswachstum zur Zeit eher bei rund 5 ½ Prozent liegt als bei knapp 7 Prozent. Gleichwohl hat es sich nach diesen Berechnungen seit dem Sommer vergleichsweise stabil entwickelt und lässt kein stärkeres Abgleiten der Konjunktur erkennen. Sprich: Auch wenn die offiziellen BIP-Zahlen nicht „auf die Goldwaage gelegt“ werden sollten, die Botschaft der aktuellen Zahlen, nämlich dass sich die chinesische Wirtschaft in den vergangenen Monaten entgegen der jüngsten Befürchtungen in relativ stabilem Fahrwasser bewegt hat, erscheint durchaus plausibel.

Unterstützend haben sich dabei zweifellos diverse konjunkturpolitische Maßnahmen ausgewirkt, die Peking im vergangenen Jahr auf den Weg gebracht hat – allen voran die deutliche Lockerung der Geldpolitik. Aber auch die Steuersenkungen für Kleinwagenkäufe haben am Automobilmarkt seit dem Spätsommer eine Sonderkonjunktur ausgelöst. Die Verkaufszahlen sind förmlich in die Höhe geschnellt, die Produktion zieht nun allmählich nach. Wir sehen auch für die kommenden Monate noch ausreichend Spielräume für die Wirtschaftspolitik. Bereits jetzt hat die chinesische Regierung angekündigt, in diesem Jahr ein höheres Budgetdefizit anzupeilen. Ob sich dagegen die Abwertung des Yuan schon in den jüngsten und überraschend kräftigen Exportzahlen niedergeschlagen hat, ist fraglich. Im laufenden Jahr dürfte die Wechselkursentwicklung jedoch eine Entlastung für die Exportkonjunktur sein.

Trotzdem müssen wir uns auch in den kommenden Quartalen auf eine weiter nachlassende Wachstumsdynamik in China einstellen. Der Strukturwandel, den die chinesische Wirtschaft derzeit vollzieht, spricht generell für einen weiterhin moderat abwärts gerichteten Wachstumspfad. Mehr als stabilisierend kann und sollte die Wirtschaftspolitik Pekings nicht auf die Konjunktur einwirken. Eine erneute Absenkung des Wachstumsziels für dieses Jahr auf 6,5 Prozent ist deshalb sehr wahrscheinlich. 2017 rechnen wir sogar nur noch mit offiziellen Wachstumszahlen in Höhe von durchschnittlich 6 Prozent.

Artikel bewerten


Vielen Dank für Ihre Wertung. Ihre Wertung:
Aktuell ist noch keine Bewertung vorhanden. Seien Sie der Erste! Aktuelle durchschnittliche Bewertung des Artikels: 0

Hinterlasse eine Antwort

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *