Euro: Sicherer Hafen oder Finanzierungswährung?

Der Jahresbeginn 2016 wurde von einer Reihe von beträchtlichen (geo-) politischen und fundamentalen Unsicherheiten überschattet. Diese zahlreichen und komplexen Risiken haben die Finanzmärkte weltweit verunsichert. In Folge dessen kam es zu einem Anstieg der Risikoaversion und einer regen Nachfrage nach „Sicheren Häfen“. In diesem Umfeld verwundert es kaum, dass der japanische Yen als traditioneller „Sicherer Hafen“ derzeit gefragt ist, wie lange nicht mehr. Überraschend ist, zumindest auf den ersten Blick, dass neben der japanischen Landeswährung besonders auch der Euro nachgefragt wird. Der Euro als „Sicherer Hafen“? Dies erscheint äußerst unwahrscheinlich, wenn man zum einen bedenkt, dass die Konjunktur des Euroraums weiterhin lahmt. Zum anderen gibt es innerhalb des Währungsraumes zahlreiche politische Probleme, die es zu bewältigen gilt. Anders ausgedrückt: Der Euroraum scheint nicht unbedingt der Ort zu sein, an den man sich in einer Krise retten möchte. Dies bestätigen auch die Daten zu den EWU-Kapitalflüssen: Netto ist seit April 2015 (also seit Beginn des QE-Programms der EZB) stetig Kapital abgeflossen. Die Nachfrage nach Aktien aus dem Euroraum war zwar recht solide (wenn auch schwächer als im Jahr 2014), aber Staatsanleihen aus der EWU zogen keine Anleger an. Ganz im Gegenteil: Ausländische Anleger haben seit dem Beginn von QE insgesamt 90 Mrd. EUR aus EWU-Anleihen abgezogen. Und auch inländische Anleger parken ihre Liquidität anscheinend lieber anderswo, so dass im Betrachtungszeitraum beachtliche 223 Mrd. EUR in ausländische Anleihen abflossen. Damit lässt sich die These, der Euro profitiere aufgrund seines Status als „Sicherer Hafen“ von der gestiegenen Risikoaversion, nur schwer belegen.

Es erscheint dagegen sehr viel glaubwürdiger, dass er als „Finanzierungswährung“ dient: Mit ihrer Zusage, die Zinsen so lange wie möglich so niedrig wie möglich zu lassen, hat die EZB den Euro zur perfekten Finanzierungswährung für Carry Trades gemacht. In Zeiten niedriger Risikoaversion oder, positiv ausgedrückt, hoher Risikobereitschaft, wird der Euro als Finanzierungswährung verwendet – Anleger finanzieren also risikoreichere Investitionen indem sie sich günstig in Euro verschulden. In Zeiten steigender Risikoaversion, werden diese Investitionen dann aufgelöst, was den Euro unterstützt.

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