Herausforderungen überall

Die Banken müssen gegenwärtig besonders viele Herausforderungen gleichzeitig bewältigen. Deshalb trifft es sie an der Börse besonders hart. In den letzten Wochen sind Bankenaktien auf breiter Front unter Druck gekommen. Seit Jahresbeginn fiel der Index der europäischen Banken um 20 Prozent. Die Aktien des Stoxx 600 gingen dagegen nur um 10 Prozent zurück.

Nicht nur die Aktien der Banken haben deutlich an Wert verloren, auch deren Anleihen und hier insbesondere die nachrangigen Anleihen gaben nach. Entsprechend stiegen deren Renditen. Die Gründe für diesen Einbruch sind überaus vielfältig. Unter anderem: Abschwächung des Weltwirtschaftswachtums, Nachlassen des Wachstums in China und in den Schwellenländern, längerfristig anhaltendes Niedrigzinsniveau, Öl-Preisrückgang, steigende Ungleichheit, Probleme im High-Yield-Anleihenmarkt (USA) und die hohe Schuldenstände weltweit.

Ein Großteil dieser Gründe spielt sich natürlich auch in der Entwicklung des gesamten Marktes wieder. Aber die Performance des Banksektors ist deutlich negativer als die Performance des Gesamtmarktes. Dies ist ein wichtiges Indiz dafür, dass neben der zyklischen Schwäche, die Investoren auch generell etwas an Vertrauen in die europäischen Banken verloren haben.

Schnell kam in den letzten Wochen die Meinung auf, wir stünden in Europa vor einer neuen Banken- und Finanzmarktkrise. Die Bankenregulierung sei noch nicht ausreichend. Sonst hätte es nicht zu solchen Marktbewegungen kommen können. Das alles sind die üblichen Reflexe. Sie sind eine Übertreibung – genauso wie die Kursrückgänge selbst.

Man sollte nicht vergessen, dass an den Finanzmärkten im Wesentlichen auf zukünftige Gewinne spekuliert wird. Und genau diese Perspektive hat sich tatsächlich bei den Banken eingetrübt. Die Ertragslage vieler europäischer Banken steht unter Druck. Das Niedrigzinsumfeld, die in vielen Ländern nur leicht anziehende Kreditnachfrage, der intensive Wettbewerb sowie negative Notenbankenzinssätze führen dazu, dass einige Banken ihr Zinsergebnis bestenfalls stabil halten können. Einige Institute vermelden sogar einen Rückgang.

Seit Jahren führen die Banken regulatorisch bedingt, aber auch unter dem Druck des Wettbewerbs, Restrukturierungs- Kostensenkungsprogramme durch. Diese Programme verursachen erhebliche Restrukturierungskosten. Allerdings werden sie mittel- bis langfristig die Effizienz der Institute auch verbessern.

Darüber hinaus herrscht in dieser Branche ein rasant steigender Wettbewerbsdruck. Kleine Finanzunternehmen im Internet – sogenannte Fintechs – attackieren immer stärker die Geschäftsmodelle der etablierten Banken. Die Veränderungen, die sich dadurch in den einzelnen Servicebereichen der Banken vollziehen, haben inzwischen das Ausmaß einer industriellen Revolution. Die Folgen sind hier ähnlich gravierend. Es entsteht ein starker Margendruck auf diese Geschäftsfelder. Das wiederum treibt die tiefgreifenden Umwälzungen weiter voran. Kurzfristig heißt das für Banken, dass die Investitionsbudgets merklich ausgeweitet werden, um dem Konkurrenzdruck begegnen zu können. Gleichzeitig fallen die Gewinnmargen, was die Ertragsaussichten der Banken zusätzlich eintrübt.

Zu diesen generellen Faktoren kam es bei den italienischen Banken noch zu speziellen Problemen. Italienische Bankanleihen waren zum Jahresbeginn besonders unter Druck. Die EU-Kommission und italienische Regierung einigen sich nach monatelangen Verhandlungen auf ein „Bad-Bank-Modell“. Die italienischen Banken dürfen einen Teil ihre notleidender Kredite an jeweils eigene, noch zu gründende „Bad Bank“ auslagern. Dort sollen dann die Problemkredite verbrieft und die Verbriefungen anschließend verkauft werden. Hierfür wird es teilweise eine Staatsgarantie geben. Ob die nun vorgestellte Lösung aber wirklich einen „Befreiungsschlag“ für die krisengeschüttelten Institute darstellt, muss sich erst noch zeigen. Noch ist nicht klar, was die Banken die Auslagerung und Verbriefung dieser notleidenden Kredite kosten wird. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Verbriefungen am Markt nur zu – aus Bankensicht – unattraktiven Preisen platziert werden können. Dann drohen erneute Verluste.

Die europäischen Banken haben in der Vergangenheit viele Fehler gemacht und eine stärkere Regulierung war hier der richtige Weg. Durch diese Vorschriften haben sich die Kapitalquoten der Banken in den letzten Jahren auch bereits signifikant erhöht und die Qualität des Kapitals hat sich ebenfalls merklich verbessert. All diese neuen regulatorischen Anforderungen mussten in einer sehr kurzen Zeit implementiert werden. Und der regulatorische Druck hält weiter an.

Kurzum die Banken müssen zurzeit sehr viele Herausforderungen parallel meistern: Die wachsenden regulatorischen Anforderungen, den steigenden Druck durch neue Wettbewerber und das Niedrigzinsumfeld. Dies sollte man nicht vergessen, wenn man eine nochmals stärkere Regulierung fordert. Wenn der Bankensektor überfordert wird, könnte dies zu einer dauerhaften Schwächung der Branche führen. Die Folgen wären dann eine zu geringe Kreditvergabe, mehr Markteintritte durch ausländische Banken und eventuell sogar weitere staatliche Eingriffe.

Man muss nicht direkt eine Regulierungspause fordern: Jedoch sollte man die Leistungsfähigkeit und Belastungsgrenzen des Sektors im Auge behalten, wenn man weitere Maßnahmen fordert. Denn eines ist sicher, Europa braucht einen leistungsfähigen und konkurrenzfähigen Bankensektor, für eine starke wirtschaftliche Basis, für Arbeitsplätze und Wachstum.

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