Die Draghi-Dividende

Die berühmte „Whatever it takes“-Rede (Juli 2012) von EZB-Präsident Draghi markierte den Wendepunkt am Markt für EWU-Staatsanleihen. Das Vertrauen in die europäischen Notenbanker und ihre „Marktheilungskräfte“ sorgte dafür, dass die zuvor überschießenden Renditen der Krisenstaaten entlang der Peripherie deutlich nachgaben. Für die Staatshaushalte der EWU-Staaten bedeutet der Renditerückgang eine deutliche Ersparnis bei den Zinsausgaben. Da sinkende Renditen mit beträchtlicher Verzögerung fiskalisch voll zum Tragen kommen, wird die Hauptentlastung für die EWU-Staatshaushalte erst in den kommenden Jahren greifen.

Die Kernstaaten, vor allem Deutschland, haben bislang noch in einem relativ geringen Maße von einem solchen „Draghi-Effekt“ profitiert. Bis Ende 2015 belief sich die auf den Draghi-Effekt zurückzuführende fiskalische Entlastung Deutschlands nur auf etwa 9,5 Mrd. Euro, wohingegen rund 27 Mrd. Euro Entlastung auf den Renditerückgang zurückzuführen sind, der sich bereits deutlich vor Mitte 2012 eingestellt hatte. Anders stellt sich die Lage bei den Peripherie-Staaten dar. Italien hat bereits etwa 53 Mrd. Euro an Zinsausgaben eingespart, da die Refinanzierungskosten ohne EZB-Geldpolitik wahrscheinlich eher gestiegen wären, anstatt deutlich zu fallen.

Für die kommenden Jahre ist zu erwarten, dass vor allem die Peripherie-Staaten in einem noch höheren Maße als bisher eine Draghi-Dividende einstreichen können. Selbst ein moderater Anstieg der Renditen vom gegenwärtig niedrigen Niveau würde die beträchtlichen Ersparnisse kaum mindern. Spanien und Italien können auch mit einem deutlichen Rückgang ihrer Schuldenstandsquoten in den kommenden Jahren rechnen. Dies setzt allerdings voraus, dass die Länder an ihrer Sparpolitik festhalten und die Ersparnis bei den Zinsausgaben nicht durch eine schlechtere Bilanz bei den Primärsalden kompensiert wird. Im Fall Italien lässt sich beziffern, dass der Schuldenstand aufgrund des Draghi-Effekts bis zum Jahr 2022 35 Prozent vom BIP niedriger liegen könnte als wenn die EZB keine ultraexpansiven geldpolitischen Mittel ergriffen hätte.

Deutschland und Frankreich werden ebenfalls mehr als bislang von der Draghi-Dividende profitieren, wobei sich ein Renditeanstieg vom gegenwärtig ultraniedrigen Niveau relativ stärker bemerkbar machen würde. Deutschlands Schuldenstandsquote könnte wegen des Draghi-Effekts 2022 bis zu neun Prozentpunkte tiefer als ohne geldpolitische Intervention sein.

 

Artikel bewerten


Vielen Dank für Ihre Wertung. Ihre Wertung:
Aktuell ist noch keine Bewertung vorhanden. Seien Sie der Erste! Aktuelle durchschnittliche Bewertung des Artikels: 0

Hinterlasse eine Antwort

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *