EZB und EUR – eine Geschichte voller Missverständnisse

Auch Tage nach der EZB-Sitzung reißen die Interpretationsversuche der Entscheidung nicht ab. Besonders bedenklich finden wir die derzeit grassierende These, dass die EZB angeblich gar kein Problem mehr mit einem aufwertenden Euro habe. Der Indizienbeweis stützt sich darauf, dass Draghi bei dieser Pressekonferenz eine andere Rhetorik gewählt hat als zuvor. Dem obligatorischen „Wir haben kein Wechselkursziel“ folgte bislang typischerweise eine ausführliche Erläuterung, dass der Euro-Kurs das deflationäre Umfeld beeinflusst, was ihn zumindest indirekt auf dem Radar der Währungshüter platziert hatte. („…the exchange rate is not a policy target. But it’s pretty clear our actions have an effect on the exchange rate”, 21. Januar.) Auf diese Erklärung hat Draghi diesmal verzichtet, woraus ihm jetzt der Strick gedreht wird, dass er offenkundig kein Problem mehr mit einem festeren Euro hätte.

Eine gewagte These, die die gegenwärtige, verzerrt Euro-freundliche Marktstimmung ebenso illustriert wie die Fehlinterpretation der EZB-Projektionen. Angeblich enthalten diese den Hinweis, dass die EZB einen festeren Euro erwartet. So basieren die Wachstums- und Inflationsprojektionen auf einem EUR-USD-Kurs von 1,11 USD bzw. einem handelsgewichteten Euro-Plus um 4,8% (J/J). Wer sich die Mühe macht, auch das Kleingedruckte zu lesen, erkennt schnell, dass es sich um „technische Annahmen“ handelt. Dieser Wert ist eben nicht eine aktive, fundamental begründete EZB-Prognose, sondern der aktuelle Wert, der für die Zukunft fortgeschrieben wird (genau genommen der Mittelwert der letzten zwei Wochen vor dem Stichtag 15. Februar). Hierin unterscheidet sich der Input des Wechselkurses von beispielsweise Ölpreis- oder Zinsannahmen, wo Futures herangezogen werden, die Projektionen also auch Markterwartungen berücksichtigen. Keinesfalls ist dies aber das Signal, dass die EZB mit einem aufwertenden Euro rechnet, geschweige denn, ihn begrüßen würde. Insofern steht die gegenwärtige Eu(ro)phorie auf ausgesprochen wackeligen Beinen.

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