Die nächste geldpolitische Innovation: Helikopter-Geld

Was bedeutet Helikopter-Geld? Nichts anderes, als dass die Zentralbank direkt an die Bürger Geld verschenkt. Hört sich wie ein Scherz an, ist aber ernst gemeint. In volkswirtschaftlichen Lehrbüchern kommt die Idee gelegentlich vor – als Karikatur einer inflationären Geldpolitik.

Aber nach all den geldpolitischen „Innovationen“, die wir in letzter Zeit gesehen haben, ist es nicht mehr völlig abwegig, dass nun auch Helikopter-Geld als eine reale Möglichkeit diskutiert wird. Im Grunde handelt es dabei nämlich lediglich um eine radikalere Variante der Geldpolitik, die die EZB mit dem aktuellen Staatsanleihen-Kaufprogramm betreibt. Zusätzliches Geld soll die Liquidität im Wirtschaftssystem erhöhen, es soll ausgegeben werden und so die Nachfrage und nachfolgend die Inflation in Richtung 2 Prozent bringen.

Der Unterschied zwischen Helikopter-Geld und dem laufenden Anleihekaufprogramm ist, dass man mit Helikopter-Geld das Bankensystem umgeht. Mit den Anleihekäufen wird im ersten Schritt lediglich die Liquidität im Bankensystem erhöht. Die erwünschten Folgewirkungen haben bisher auf sich warten lassen. Selbst im Verbund mit Null-Zinsen hat die Zusatzliquidität die Kreditvergabe nicht massiv stimuliert, es entstand nicht merklich mehr gesamtwirtschaftliche Nachfrage, nicht mehr Wachstum, und die Inflationsrate ist nicht angestiegen. Über die Erhöhung der Bankenliquidität hinaus ist wenig passiert. Die „Transmissionsmechanismen“, die darauf folgen sollten, haben nicht gegriffen. Dies liegt aber hauptsächlich an der sehr zurückhaltenden Kreditnachfrage der Unternehmen und nicht am Kreditangebot der Banken.

Die Enttäuschung über die schwache Wirkung des Staatsanleihen-Kaufprogramms dürfte der Grund dafür sein, dass jetzt das Helikopter-Geld diskutiert wird. Denn hier landet die zusätzliche Liquidität direkt bei den Bürgern anstatt erst einmal bei den Banken. Und sie kann dann auch nicht bei den Banken hängen bleiben – oder doch?

Im ungünstigsten Fall würden die Bürger das in ihrem Vorgarten oder auf ihrem persönlichen Bankkonto vorgefundene neue Geld achselzuckend ignorieren, also unter dem Kopfkissen oder auf dem Bankkonto liegen lassen. Dann wäre die Wirkung wieder lediglich eine Erhöhung der Liquidität, und sonst nichts. Im günstigeren Fall würden sie es dankend annehmen und sofort ausgeben. Aber da es sich um ein einmaliges Geschenk handelt, bedeutet das nicht wirklich eine Erhöhung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage. Die Anbieter von Gütern oder Dienstleistungen, die in den Genuss der Ausgaben kommen, haben keinen Grund, ihre Produktion zu erhöhen und keinen Grund, höhere Preise zu verlangen. Denn nach dem einmaligen Ausgabenschub ist ja alles schon wieder vorbei.

Um überhaupt eine Chance auf Wirksamkeit zu haben, müsste das Helikopter-Geld dauerhaft niederregnen. Dann wäre vorstellbar, dass Konsumenten ihre Einkommenssituation günstiger als vorher einschätzen und dauerhaft ihre Konsumausgaben erhöhen. Die Produzenten könnten darauf teils mit einer Erhöhung ihrer Produktion, teils mit Preiserhöhungen reagieren – also durchaus im Sinne der ursprünglichen Absicht.

Wahrscheinlicher ist aber ein anderer Ausgang. Nämlich der, dass die Bürger endlich restlos davon überzeugt würden, dass die Zentralbank die geldpolitischen Mittel ausgehen und es sich bei dem Geldregen um ein verzweifeltes letztes Mittel handelt. Nicht nur ökonomisch Gebildeten dürfte bewusst sein, dass Wachstumspolitik mittels regelmässiger Geldgeschenke, also mittels Vermehrung des Geldes, auf Dauer nicht gut gehen kann. Die Inflationserwartungen könnten also sehr schnell und sehr stark ansteigen – ohne dass dies mit irgendeiner realen Wachstumswirkung verbunden wäre. Der Verlust des Vertrauens in die Werthaltigkeit des Geldes könnte zu einer Flucht in vermeintlich sichere Anlageformen führen – von ausländischen Währungen über Edelmetalle oder Immobilien bis zu alternativen Währungen wie Bitcoins ist hier fast alles vorstellbar. Die Inflation würde steigen – aber wohl kaum nur bis „nahe bei 2 Prozent“. Und spätestens dann würde man sich daran erinnern, dass das Ziel der Europäischen Zentralbank nicht „Inflation“, sondern „Geldwertstabilität“ heißt.

Das Risiko ist sehr hoch, dass auch das Instrument des Helikopter-Geldes kaum wirkt oder schnell an Wirkung verliert und dass die einzig bleibende Wirkung ein massiver Vertrauensverlust in den Euro und die Institutionen des Euroraums wäre.

Müssen wir wirklich damit rechnen, dass das Helikopter-Geld kommt? Völlig ausschließen sollte man es nicht. Die jüngste Vergangenheit hat gezeigt, dass die EZB bereit ist sehr extreme Geldpolitische Instrumente einzusetzen, um ihre Ziele zu erreichen.

Praktisch wird es aber auf jedenfalls sehr schwierig werden, dass die Zentralbank Geld direkt an die Bürger verteilen, ohne dass es dabei zu groben Ungerechtigkeiten und zahllosen rechtlichen Problemen käme. Wenn die Geldverteilung nicht über die Banken abgewickelt werden soll, dann bestünde der einzige einigermaßen ordnungsgemäße Weg darin, das Geld dem Staat zu schenken. Dieser würde es dann über das Steuersystem oder als Sozialleistungen an die Bürger weitergeben. Jedoch wäre dies direkte Staatsfinanzierung, was der EZB bislang verboten ist.

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