Private Haushalte in Deutschland: Der Preis niedriger Zinsen

Sowohl im Bereich der Geldanlage als auch bei Krediten haben die Zinsen in den letzten Jahren immer neue historische Tiefststände erreicht. In verschiedenen Anlagekategorien fallen die Zinsen sogar negativ aus. Mit den jüngsten geldpolitischen Maßnahmen der EZB ist ein Ende der Niedrigzinsphase noch weiter in die Ferne gerückt.

Zu den Folgen zählt der Einbruch der Zinseinkünfte: Im Vergleich zum Durchschnittszinsniveau in Normalzeiten summieren sich die Einkommenseinbußen der privaten Haushalte in den letzten sechs Jahren auf fast 261 Mrd. Euro. In diesem Jahr kommen voraussichtlich noch einmal 82 Mrd. Euro hinzu. Problematisch sind vor allem die Jahre 2011 bis 2013, in denen der durchschnittliche Nominalzins verzinslicher Geldvermögen unter die Inflationsrate fiel und ein negativer Realzins hingenommen werden musste. Für 2014 und 2015 lassen sich lediglich dank der Sondersituation einer extrem niedrigen Inflation leicht positive Realzinsen errechnen.

Zu den direkten Vorteilen niedriger Zinsen zählen geringere Kreditkosten. Das macht sich hauptsächlich bei Immobilienkrediten bemerkbar. Insgesamt zahlten Privathaushalte von 2010 bis 2015 gut 108 Mrd. Euro weniger Kreditzinsen an Banken und Sparkassen. In diesem Jahr kommt voraussichtlich nochmal eine Zinsersparnis von über 35 Mrd. Euro hinzu. Beim Vergleich der unmittelbaren Auswirkungen niedriger Zinsen überwiegen jedoch die Nachteile.

Zu den indirekten Auswirkungen der Niedrigzinsphase gehören phasenweise steigende Aktienkurse, die zum Teil auf Ausweichreaktionen institutioneller und privater Anleger zurückzuführen sind. Einerseits sind die Kurszuwächse für die Haushalte, die in Aktien investiert haben, erfreulich. Allerdings agieren die Deutschen traditionell eher vorsichtig. Lediglich rund zehn Prozent des gesamten privaten Geldvermögens besteht hierzulande aus Aktien und anderen Anteilsrechten. Dementsprechend profitieren die Bürger nur mäßig von günstigen Entwicklungen an den Aktienbörsen. Andererseits besteht die Gefahr, dass die Suche nach Rendite zu Übertreibungen und Preisblasen führt. Das betrifft nicht nur die Aktienmärkte, sondern auch Immobilien. Bisher bleiben die Gefahren jedoch begrenzt.

Die anhaltende Niedrigzinsphase macht sich auch zunehmend im Sparverhalten bemerkbar. Zwar ist ein Rückgang der Sparbemühungen nicht festzustellen. Die Sparquote ist in den letzten Jahren sogar noch gestiegen. Allerdings führt die Kombination aus der traditionellen Risikoscheu der Privatanleger und niedrigen Zinsen zu einem immer größer werdenden Geldanlagestau. Dass die Bürger keine übertriebenen Risiken eingehen und den wegbrechenden Zinseinnahmen durch verstärktes Sparen entgegenwirken, ist eine angemessene Reaktion auf die Niedrigzinsphase – vor allem auch im Hinblick auf die Altersvorsorge. Die Probleme, denen sich Anleger ausgesetzt sehen, resultieren teils jedoch aus einer einseitigen Portfoliomischung zugunsten zinsabhängiger Anlageformen. Das erschwert die Kompensation von Zinseinbußen in Zeiten niedriger Zinsen. Langfristig könnte daher eine ausgewogenere Portfoliostruktur, die neben Zinseinnahmen auch stärker Dividendenerträge und Kursgewinne ermöglicht, Abhilfe

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