Sell in May and go away“ – auch 2016?

Wir haben die beliebte Börsenweisheit unter die Lupe genommen. Diese mythologisiert darauf, dass früher die „Börsianer“ in New York im Sommer wegen der Hitze die Stadt verließen, um auf ihren Landsitzen am Meer die Freizeit zu genießen und damit auch dem durch Privatinvestoren dominierten Börsenhandel fernblieben.

Tatsächlich übertraf die DAX-Kursentwicklung seit 1960 im Zeitraum Oktober bis April (+1,1% p.M.) diejenige von Mai bis September (+0,1%) deutlich. Von einer ausgeprägten Korrektur im Sommer kann jedoch keine Rede sein, der Juli liefert historisch gesehen sogar eine der stärksten Entwicklungen im Jahresverlauf. Meist kam es daher zu einer Seitwärtsbewegung. Deutlich nach unten ging es nur 2002 (Rezessionsangst USA), 2011 (Sorgen vor Streit um Obergrenze der US-Schulden) und 2015 (Korrektur nach Draghi-Klimax). Überdurchschnittlich gute Sommermonate gab es selten, meist im Folgejahr von Rezessionen (z.B. 2003 und 2009).

Investoren unterliegen bei Saisonalitätsstrategien auch immer dem aus der Psychologie bekannten „Rückschau-Fehler“ (englisch „hindsight bias“), d.h. im Rückblick hat man es „besser gewusst“ und Umstände und Gründe, die das frühere Geschehen negativ beeinflusst haben, werden systematisch ausgeblendet. Der Aktienmarkt ist, wie alle anderen Finanzmärkte auch, ein komplexes adaptives System. Dieses passt sich, basierend auf der Summe aller individuellen Investoreneinschätzungen und -transaktionen, kontinuierlich an neue und komplexe Informationen an. Diese Informationen können einer hohen Unsicherheit unterliegen. Erfolgreiches Investieren kann in einem solchen System nicht auf ein paar simple isolierte ökonomische Parameter, Rechnungen oder gar Faustregeln reduziert werden. Wir vertreten die Meinung, dass die „Sell in May…“-Regel nicht viel mehr als eine nette Anekdote ist und nicht dazu geeignet ist, langfristig am Aktienmarkt Erfolg zu haben.

In unserem Aktienmarktausblick erwarten wir, dass sich die Fundamentaldaten in den kommenden Wochen nicht wesentlich verbessern können. Die Zentralbankpolitik gibt Volkswirtschaften und Kapitalmärkten solide Leitplanken vor, so dass es keinen Crash geben wird. Jedoch sorgt das niedrige Zinsniveau nicht dafür, dass sich das Wachstum beschleunigt. Das zeigt sich bei der Gewinnentwicklung der Unternehmen, die 2016 durch Stagnation bzw. einen leichten Rückgang geprägt sein dürfte.

Nach der Kurserholung ist zwischenzeitlich wieder viel Optimismus eingepreist, was sich aus unserer Sicht als trügerisch herausstellen könnte. Nach dem Ende der Berichts- und Hautversammlungssaison Mitte Mai, dürfte es den Aktienmärkten zunächst an Nachrichten fehlen, so dass Rücksetzer möglich sind. Auch die Entscheidung über den Brexit steht an, inklusive der damit verbundenen möglichen Belastungen für Wirtschaft und Finanzmärkte.

 

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