Kanadische Waldbrände heizen den Rohölpreis an

Ein gewöhnlicher Waldbrand mag für die internationalen Finanz- und Rohstoffmärkte bedeutungslos sein. Wenn aber in Kanada die Wälder brennen – noch dazu in der Provinz Alberta, dem Herzen der kanadischen Ölsand-Industrie -, dann hat dies insbesondere für den Rohölmarkt eine nicht zu unterschätzende Bedeutung. Die Notierungen von Brent- und insbesondere WTI-Rohöl zogen vor diesem Hintergrund auf jeweils 46 USD pro Barrel (159 Liter) an.

Seit Anfang Mai brennen im kanadischen Fort McMurray als Folge einer außergewöhnlichen Hitzewelle die Wälder. Obgleich derlei Waldbrände für die Bewohner von Alberta nichts wirklich Ungewöhnliches sind, weil dies in der viertgrößten Provinz Kanadas durchaus regelmäßig (zuletzt im 2Q2015) geschieht, ist das Ausmaß der aktuellen Brände auch nach kanadischen Maßstäben nur als verheerend zu bezeichnen. So fiel bis dato in nur rund einer Woche eine Fläche von >160.000 Hektar den Flammen zum Opfer. Nahezu 2.000 Häuser, Wohnungen und Bürogebäude sind verbrannt und fast 100.000 Menschen mussten in einer logistischen Hauruck-Aktion aus der „Naturkrisenregion“ evakuiert werden.

Jenseits des unermesslichen menschlichen Leids derer, die in vielen Fällen ihr gesamtes Hab und Gut – und für sehr lange Zeit auch ihre Heimat – verloren haben, hat die als „The Beast“ bezeichnete Feuerwalze auch Konsequenzen für den Rohölmarkt. Mit einer jährlichen Produktion von rund 4,5 Millionen Barrel pro Tag (mbd) ist Kanada der viertgrößte Rohölproduzent der Welt. Rund 80% davon stammen aus der betroffenen Region Alberta. Nach gegenwärtigen Schätzungen haben die kanadischen Ölsandproduzenten ihre Förderung inzwischen prophylaktisch um 0,5-1,0 mbd eingestellt bzw. zurückgefahren. Die Ölanlagen selber sind dabei gemäß den Verlautbarungen der Betreiber (zumindest noch) nicht betroffen. Obwohl die Feuer laut Aussagen der Feuerwehr bei ungünstigem Witterungsverlauf noch Monate andauern könnten, planen die lokalen Ölsandbetriebe ihre Produktion mit voller Unterstützung seitens der Politik „schon bald“ wieder zu normalisieren.

Da der globale Rohölmarkt im laufenden 2Q2016 immer noch mit einer – allerdings inzwischen sukzessiv fallenden – Überversorgung von 1,0-1,5 mbd zu kämpfen hat, würde ein „nur“ temporärer Produktionsausfall in Kanada die bestehenden Ungleichgewichtsverhältnisse nicht im Handstreich verändern. Derzeit gehen wir – auch vor dem Hintergrund der kanadischen Erfahrungen aus dem vergangenen Jahr – in unserem Modell von einem Produktionsausfall von ~600 kbd im Monat Mai (bzw. ~0,2 mbd für das 2Q2016) aus. Damit würde dem Rohölmarkt in etwa die Menge Rohöl verloren gehen, um die Saudi-Arabien seine Produktion – als Resultat des gescheiterten Doha-2-Meetings (17.04.) – über die Sommer-Monate anheben wird. In diesem Szenario sollte sich der Rohölpreis in den kommenden „Überschuss-Monaten“ weiterhin in der Handelsspanne von 35-45 USD (mutmaßlich allerdings in der oberen Hälfte) aufhalten.

Anders würde sich die Gemengelage allerdings darstellen, wenn die kanadischen Ausfälle von deutlich längerer Dauer sein und/oder sich die Zahl der ungewollten Produktionsausfälle in der OPEC-und Nicht-OPEC-Welt noch weiter intensivieren sollten. So liegen die Output-Niveaus beispielsweise in Kolumbien, Libyen und Nigeria aus innenpolitischen und in Venezuela auch aus witterungsbedingten Gründen deutlich unterhalb ihres Soll-Niveaus. In diesem Kontext gilt es insbesondere auch ein sehr waches Auge auf die zunehmend fragile Situation im Irak zu werfen. Dieser erlebte am vergangenen Wochenende die schwersten Tumulte der Post-Saddam-Zeit, als Zehntausende Demonstranten (überwiegend Anhänger des schiitischen Predigers Muktada al-Sadr) das Parlamentsgebäude in der streng bewachten Regierungszone in Bagdad stürmten, um politische Reformen einzufordern.

Der von uns für das (späte) 2H2016 prognostizierte Ausgleich von Angebot und Nachfrage auf dem globalen Rohölmarkt könnte sich um einige Wochen vorverlagern!

 

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