Japan: Wachstum zu Jahresbeginn steht auf tönernen Füßen

Japans Wirtschaft hat im ersten Quartal ein überraschend positives Wachstum gemeldet. Das Bruttoinlandsprodukt stieg laut erster vorläufiger Schätzung um 0,4 Prozent gegenüber dem Endquartal 2015 und übertraf damit die Markterwartung deutlich. Die befürchtete „technische Rezession“, also zwei negative Quartale nacheinander, ist damit abgewendet worden.

Maßgebliche Kraft hinter dem Wachstum zu Jahresbeginn war zum einen der private Konsum, der mit +0,5 Prozent (Q/Q) überproportional zur Gesamtwirtschaft zulegte. Aber auch die Exporte stiegen unerwartet stark mit +0,6 zum Vorquartal. Demgegenüber ging die Investitionstätigkeit zu Jahresbeginn stark zurück (-1,0 Prozent), und auch von den Lagerveränderungen kam kein positiver Wachstumsbeitrag. Der Staatsverbrauch stieg mit +0,7 Prozent so kräftig wie im Vorquartal.

So positiv die jüngsten Wachstumszahlen aus Japan auch sind, die Gesamtwirtschaft hat deshalb noch keineswegs den Krisenmodus verlassen. Der jüngste Konsumschub scheint auf ziemlich tönernen Füssen zu stehen, denn das Konsumklima war im ersten Quartal anders als der tatsächliche Konsum nicht gestiegen. Vor allem die Anschaffungsneigung, also die Bereitschaft zum Kauf teurerer Gebrauchsgüter, ist seit Jahresbeginn schwach und ist im April nochmals deutlich gesunken. Die vermehrten Konsumausgaben konzentrierten sich zuletzt denn auch auf nicht ganz so kostspieligen Freizeitbedarf und aushäusige Aktivitäten. Die Wachstumsaussichten für das zweite Quartal werden zudem durch die Auswirkungen der Erdbeben vom April auf der Südinsel Kyushu in Mitleidenschaft gezogen. Einige Industrieunternehmen haben dort wichtige Produktionsstätten, die im April zum Teil ihren Betrieb aussetzen mussten. Ohnehin haben die Unternehmen etwa in der Tankanumfrage vom April eher wachsende Skepsis hinsichtlich ihrer Geschäftsaussichten bis Jahresmitte und darüber hinaus geäußert.

Premierminister Abe hat zur Wachstumsstützung den Finanzminister angewiesen, Teile der Fiskalausgaben, die für das neue Fiskaljahr 2016/17 bereits budgetiert sind, zeitlich vorzuziehen („front-loading“). Zudem kann erwartet werden, dass er schon bald einen Zusatzhaushalt vorlegt, der neue konjunkturstützende Maßnahmen enthalten wird. Ob er schließlich auch die geplante Konsumsteueranhebung (von 8 auf 10 Prozent) zum 1. April 2017 aussetzen wird, ist derzeit noch fraglich. Abe hat in den letzten Wochen mehrfach ausdrücklich gesagt, dass er an der Anhebung festhalten will. Auch unsere Wachstumsprognose für Japan von je 0,5 Prozent in 2016 und 2017 unterstellt die termingerechte Konsumsteueranhebung. Es wäre aber dennoch nicht überraschend, wenn er – zumal als Gastgeber der aktuellen G7-Runde – diese Steueranhebung kurzfristig absagt, so dass Japans Wachstum im nächsten Jahr einen zusätzlichen Impuls erhält und Abe bei den aktuellen G7-Gesprächen mitteilen oder ankündigen kann, dass sein Land einen „aktiven Beitrag“ zur Stabilisierung auch des weltwirtschaftlichen Wachstums leisten wird.

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