Geldanlage privater Haushalte in Deutschland: Niedrigzins + Risikoaversion = Geldanlagestau

So könnte die Formel lauten, die das Dilemma beschreibt, in dem sich Anleger seit Jahren befinden. Die Geldanlage der meisten privaten Haushalte in Deutschland ist traditionell von einer geringen Risikobereitschaft geprägt. Aktien und andere kursreagible Anlagen machen gerademal gut zehn Prozent des Geldvermögens aus. Ein Großteil ist in Einlagen, Versicherungen und Rentenwerten angelegt. Das hat den Vorteil, dass die Bürger bei Aktienkurseinbrüchen kaum Verluste erleiden. Die Nachteile der einseitig auf Zinserträge ausgerichteten Portfoliostruktur treten allerdings durch die Niedrigzinsphase drastisch zutage: Während die Zinserträge gegen Null tendieren, bleibt ein Ausgleich bei positiven Kursentwicklungen an den Aktienmärkten weitgehend aus. Als Konsequenz mussten die Bürger in den letzten Jahren phasenweise real schrumpfende Geldvermögen hinnehmen. Gleichzeitig erreichte der Anteil zwischengeparkter Anlagemittel immer neue Rekordwerte, weil kaum jemand bereit war, sich angesichts extrem niedriger Zinsen langfristig zu binden.

 In einem positiven konjunkturellen Umfeld mit niedrigen Inflationsraten verstärkten die Bürger in den letzten beiden Jahren ihre Sparbemühungen. Der Anteil des Einkommens, der auf die hohe Kante gelegt wurde, stieg auf 9,7 Prozent. Dieser Trend dürfte sich im Jahresverlauf fortsetzen. Wir rechnen mit einem Anstieg der Sparquote auf 9,9 Prozent. Allerdings fließen die Mittel verstärkt in Sachinvestitionen in Form von Immobilien. Hierzu tragen die niedrigen Zinsen bei, die für günstige Finanzierungsbedingungen sorgen und die Suche nach Alternativen zur Geldanlage verstärken. Die wachsende Immobiliennachfrage der privaten Haushalte treibt auch den Kreditbedarf in die Höhe. Obwohl die im März in Kraft getretene Wohnimmobilienkreditrichtlinie private Immobilienfinanzierungen erschwert, und die Banken mit Verschärfungen ihrer Kreditrichtlinien reagieren, dürfte die Kreditaufnahme weiter zunehmen – allerdings nicht mit den sehr hohen Wachstumsraten des vergangenen Jahres.

 Durch das verstärkte Interesse an Immobilien schwächt sich das Wachstum der Geldvermögensbildung in diesem Jahr deutlich ab. Bereits im letzten Jahr waren erste Anzeichen einer allmählichen Auflösung des Geldanlagestaus erkennbar. So stieg die Nachfrage nach Aktien auf beachtliche 12,5 Mrd. Euro. Gefragt waren auch Investmentfonds, die mit 35,5 Mrd. Euro fast ein Fünftel zur Geldvermögensbildung beitrugen. Auch in diesem Jahr ist mit einer etwas höheren Risikobereitschaft der privaten Haushalte als zu „Normalzinszeiten“ zu rechnen. Im Fokus dürften erneut Investmentfonds stehen. Trotz dieser Tendenzen dominieren Einlagen und Versicherungen aber weiterhin die private Geldanlage.

 Bei begrenztem Kurspotenzial an den Aktienmärkten und anhaltend niedrigen Zinsen wird der Geldvermögenszuwachs 2016 vor allem von der Ersparnis getragen. Der Wert des privaten Geldvermögens in Deutschland dürfte in diesem Jahr mit rund drei Prozent auf 5,6 Billionen Euro deutlich langsamer wachsen als im letzten Jahr.

 

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