Negative Leitzinsen: Geldpolitisches Vabanquespiel

Nach der Finanzmarktkrise wurden immer neue Experimente durchgeführt, um die Geldpolitik expansiver zu gestalten. Das jüngste Symbol der Hoffnung nennt sich negative Notenbankzinsen. Immer mehr Zentralbanken führen negative Zinsen ein, um die Kreditvergabe zu fördern und so Konjunktur und Inflation anzuschieben. Doch inzwischen hat sich eine ernsthafte wissenschaftliche Diskussion unter Zentralbankvertretern und internationalen Wirtschaftsforen darüber entwickelt, ob diese Ziele tatsächlich erreicht werden können. Auf längere Sicht bestünden verschiedene Risiken, die genau das Gegenteil von dem erreichen, was man sich von negativen Leitzinsen erhoffe.

1.) Private Haushalte horten Cash
Derzeit werden die Negativzinsen nicht weltweit an die privaten Haushalte weitergegeben. Je länger die Phase der negativen Zinsen andauert, desto mehr steigt der Druck, dies doch tun zu müssen. Dabei besteht die Gefahr, dass Bargeld gehortet wird. Japan ist ein Beispiel dafür, dass dort Privathaushalte ihre Geldscheine unter das Kopfkissen legen. Zweifelsohne würde die weltweite Spar- und Kreditkultur auf den Kopf gestellt werden. Der erhoffte positive Effekt auf die wirtschaftliche Dynamik und/oder die Inflation könnte sich ins Gegenteil umkehren. Darüber hinaus würden Diskussionen über die Abschaffung von Bargeld dann intensiver geführt werden.

2.) Belastung von Versicherern und Pensionsfonds
Die niedrigen Zinsen und insbesondere eine Absenkung der Notenbankzinsen in den negativen Bereich belasten diejenigen Verbraucher, die für ihr Alter sparen. Die schmelzenden Rentenaussichten führen dazu, dass noch mehr gespart wird. Die Konsumtätigkeit sinkt, wodurch die eigentlichen Ziele der Zentralbanken – nämlich höhere Inflation und verbesserte Wachstumsaussichten – konterkariert werden.

3.) Negative Zinsen erhöhen systemische Risiken
Aufgrund der negativen Renditen werden sowohl institutionelle Investoren als auch Privatanleger gezwungen, in risikoreichere Anlageklassen zu investieren. Kommt es zu einem plötzlichen Zinsanstieg und damit zu Kursverlusten bei Anleihen, können Turbulenzen am Kapitalmarkt nicht ausgeschlossen werden. Die Geldpolitik wird damit zu einem dominierenden Risikofaktor an den Finanzmärkten.

4.) Wirkung auf die Realwirtschaft zweifelhaft
Ein offensichtliches Merkmal negativer Leitzinsen ist, dass sich eine direkt messbare Wirkung eher auf den Wechselkurs als auf die Realwirtschaft ergibt. Trotz negativer Zinsen ist beispielsweise in der Eurozone weder die Investitions- noch die Konsumtätigkeit nachhaltig gestiegen und es ist fraglich, ob dies überhaupt gelingen kann. Verläuft der Wirkungskanal also eher über die Wechselkurse, liegt die Versuchung nahe, den Leitzins immer weiter in den negativen Bereich zu senken. Eine Aufwertung der eigenen Währung und eine damit verbundene deutliche Abkühlung der wirtschaftlichen Entwicklung sollen so vermieden werden. Auch fördert ein langfristig niedriges Zinsniveau Fehlallokationen, die erst bei wieder steigenden Zinsniveaus zutage treten und dann die Realwirtschaft zusätzlich gefährend.

5.) Adverse Effekte in der Kreditschöpfung
Die negativen Zinssätze setzen den für die Kreditschöpfung wichtigen Bankensektor unter Druck. Zum einen könnten die Finanzinstitute auf Dauer gezwungen sein, hierauf mit der Einführung von Gebühren für bisher kostenlose Leistungen reagieren zu müssen. Dies belastet den Verbraucher und damit seine Konsumneigung. Zum anderen besteht die Gefahr, dass statt niedrigerer Zinsen sogar höhere Zinsen für Kredite veranschlagt werden müssen, um kostendeckend arbeiten zu können. Dies wiederum könnte nachhaltig negative Auswirkungen auf die Kreditvergabe haben. Niedrig- und Negativzinsen könnten dann das Gegenteil vom gewünschten Effekt auf die Kreditvergabe mit entsprechend negativen Folgen für die Inflations- und Wachstumsdynamik verursachen.

Letztlich sind auf längere Sicht negative Leitzinsen ein geldpolitisches Vabanquespiel mit ungewissem Ausgang. Die Risiken sind hoch und die möglichen positiven Effekte auf die Realwirtschaft scheinen begrenzt. Lediglich positive Wirkungen auf die Wechselkurse – zumindest in einer ersten Reaktion – scheint es zu geben. Je mehr Zentralbanken jedoch negative Leitzinsen einführen, desto höher sind die Abnutzungseffekte dieser geldpolitischen Maßnahmen. Ein Rennen um den niedrigsten Zins weltweit hätte dann letztlich auch keinen nachhaltigen Effekt mehr auf den Wechselkurs.

Im Ergebnis muss man wohl sagen, dass bei negativen Leitzinsen hohe Risiken in Kauf genommen werden, wobei das Resultat mehr als fraglich ist.

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