Vielleicht ist der Brexit das Beste, was der EU passieren konnte

Vielen kommt es wie ein Alptraum vor, aus dem sie endlich aufwachen wollen: Die Briten haben sich für den Austritt aus der Europäischen Union entschieden. Dennoch könnte der Brexit das Beste werden, was der EU in den letzten Jahren passiert ist. Der Brexit könnte ein Katalysator für ein besseres, moderneres Europa werden.

Mit 52 Prozent „Leave“ ist die Entscheidung der Briten denkbar knapp ausgefallen – eine Entscheidung, mit der niemand im Vorfeld ernsthaft gerechnet hatte. Das spiegelte sich auch an den Finanzmärkten wieder, sie wurden kalt erwischt. Kurzfristig werden sich die Börsen wieder beruhigen, doch für die langfristige Entwicklung der Finanzmärkte ist die weitere politische und konjunkturelle Entwicklung entscheidend.

Jetzt sind Politik und Wirtschaft gefordert, die Lage wieder zu stabilisieren. Es ist nichts anderes als eine Mammut-Aufgabe, vor der die Verantwortlichen stehen. Großbritannien ist nach der Abstimmung ein gespaltenes Land. Während es in Schottland und Nord-Irland eine deutliche Ablehnung des Brexit gab, stimmten Wales und England dafür. Noch bemerkenswerter ist, dass im jüngeren Teil der Bevölkerung eine deutliche Mehrheit für den Verbleib in der EU war, während die Älteren die EU verlassen wollen. Die Jungen müssen sich dem Diktat der Älteren beugen. Abfinden wollen sich die EU-Befürworter damit jedoch nicht. Schon gibt es eine Petition, die eine erneute Abstimmung über den Brexit fordert. Diese Petition haben bereits mehr als 1,5 Million Briten unterzeichnet.

Entscheidend für die weitere wirtschaftliche Entwicklung in Großbritannien ist jetzt eine schnelle politische Einigung. Lähmende Diskussionen über den weiteren Weg in Großbritannien wären für das Vertrauen der Investoren und Konsumenten verheerend. Die Ankündigung von Regierungschef Cameron, erst in drei Monaten zurückzutreten, ist sicherlich nicht hilfreich, denn damit dürfte in den kommenden Monaten nahezu politischer Stillstand vorherrschen. Selbst ohne weitere innenpolitische Hindernisse dürfte die britische Konjunktur in der zweiten Jahreshälfte in eine leichte Rezession rutschen. Diese könnte zwar im Laufe von 2017 überwunden werden. Jedoch sollte sich das Wachstumspotenzial in UK generell verringern und die mittelfristigen Wachstumsraten sich bei etwa 1 Prozent einpendeln. Eine solche ungünstige Entwicklung ließe sich wohl nur mit großzügigen bilateralen Verträgen mit der EU verhindern. Hierfür dürfte der Anreiz für die EU jedoch sehr gering sein.

Etwas besser sieht es für die restliche EU (ohne UK) aus: Die konjunkturelle Entwicklung im Euroraum und vor allem in Deutschland sollte dagegen nur kurzfristig gedämpft werden. Negative Wachstumsraten sind aus meiner Sicht nicht zu erwarten. Bereits Mitte nächsten Jahres sollte sich die wirtschaftliche Dynamik wieder normalisieren haben. Und spätestens 2018 dürfte die Wachstumsdelle überwunden sein.

Eine wichtige Voraussetzung hierfür ist, dass die nationalen aber auch die europäischen Spitzenpolitiker das angeschlagene Vertrauen in die europäische Idee wieder herstellen. Hierfür muss man nun wieder zu einer klaren Vision finden, was Europa, die EU und auch der Euroraum sein sollen und perspektivisch sein können. Dass die Idee der europäischen Union eine erfolgreiche Idee ist, steht außer Frage. Jedoch hat man in den letzten Jahren zunehmend vergessen, die Menschen mitzunehmen und die Ideen und Visionen zu erklären. Das muss jetzt nachgeholt werden. Dazu gehört auch, dass man in den anstehenden Verhandlungen mit UK eine klare Verhandlungsstrategie zeigt, die auch von der Idee Europas geprägt wird. Großbritannien braucht die Verträge mit der EU dringender als die EU, dies sollte man hierbei nicht vergessen.

Wenn die europäischen Spitzenpolitiker die Idee von Europa wieder angemessen und glaubhaft vertreten, sollte das Vertrauen in Europa auch schnell wieder gestärkt werden. Dies ist für Investoren in die wirtschaftliche Infrastruktur, wie auch für die Kapitalinvestoren wichtig. Denn Europa war und ist auch weiterhin ein attraktiver Platz für Investitionen. Dieses wertvolle Kapital sollte man nun nicht verspielen.

Wenn sich diese politische Entwicklung einstellt – und hierfür gibt es einige positive Anzeichen – dann hätte das Referendum in Großbritannien und die britische Bevölkerung die EU einen großen Schritt nach vorne gebracht. Der Brexit wäre dann das Beste, was der EU in den letzten Jahren passiert ist. Zudem könnte sich dann auch die britische Bevölkerung nochmal fragen, ob sie tatsächlich bei ihrem jetzigen Entschluss bleiben will.

Falls die europäische Politik sich jedoch nicht ändert und den teilweise selbstverliebten Kurs, der sich nur wenig um die Menschen kümmert, beibehält, dürften wir mit einer andauernden Fragmentierung konfrontiert sein, die auch in einem Zerfall der EU enden kann. Die politischen, wirtschaftlichen und auch sozialen Folgen wären dann sehr negativ, aber in ihrer Ausprägung sehr unterschiedlich in den EU-Ländern.

Die jetzige Situation könnte von machen Ländern im Euroraum genutzt werden – quasi unter dem Deckmantel einer größeren Integration in Europa – die lange geforderte Vergemeinschaftung von Risiken voranzutreiben. Dies brächte aber für den Euroraum ebenfalls erhebliche Gefahren, den diesen Kurs würden die Bevölkerungen in den Ländern, die das Risiko der anderen Ländern übernehmen sollen, kaum akzeptieren. Dies wäre dann wieder die Stunde der Populisten und Manipulatoren. Die Brexit-Abstimmung hat gezeigt, dass eine zunehmende Politikverdrossenheit es den politischen Manipulatoren sehr leicht macht ihre Ideen zu verkaufen.

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