Arbeitskosten steigen in Deutschland – gut für den Konsum, schlecht für die Wettbewerbsfähigkeit

Der seit eineinhalb Jahren geltende gesetzliche Mindestlohn soll Anfang 2017 erstmals angehoben werden. Die sogenannte Mindestlohnkommission schlägt eine Erhöhung von derzeit 8,50 Euro auf dann 8,84 Euro pro Stunde vor. Das entspricht einer Anhebung um vier Prozent, durchschnittlich waren Löhne und Gehälter in Deutschland seit Dezember 2014 um 3,2 Prozent angestiegen.

Damit schlägt die Kommission also eine leicht überproportionale Steigerung vor, sie folgt aber nicht den in den vergangenen Wochen vereinzelt erhobenen Forderungen, mit einer Erhöhung des Mindestlohns auf glatte 10 Euro gleich einen „größeren Schluck aus der Pulle“ zu nehmen. Das ist gut so, denn eine solch überproportionale Erhöhung hätte den Druck im unteren Bereich der Lohnskala noch einmal deutlich verstärkt.

Noch bestehen über die Wirkungen des Mindestlohns auf Beschäftigung und Arbeitslosigkeit keine eindeutigen Erkenntnisse, die Zeit seit seiner Einführung ist für verlässliche empirische Analysen noch zu kurz. Schließlich wurde der Mindestlohn in einer Phase robuster Konjunktur und günstiger Arbeitsmarktentwicklung eingeführt, was seiner „Verträglichkeit“ sicherlich zu Gute kam. Eine sehr starke Erhöhung könnte aber dennoch zu negativen Effekten auf den Arbeitsmarkt führen, insbesondere in Regionen, in denen das allgemeine Verdienstniveau relativ niedrig ist.

Generell sollte die Politik die Kostenbelastung der Wirtschaft im Auge behalten. Besonders in Zeiten erhöhter Unsicherheit, etwa was die zukünftigen Exportmöglichkeiten angeht, dürfen die Unternehmen auf der Kostenseite nicht überfordert werden. Zwar können produktivere Unternehmen für eine gewisse Zeit auch einen stärkeren Kostenanstieg verkraften, doch können schwächere Anbieter auch entsprechend schneller in Schwierigkeiten kommen. Immerhin steigen die Arbeitskosten in Deutschland bereits seit fünf Jahren schneller als im EU-Durchschnitt, was die Wettbewerbsfähigkeit im Vergleich zu unseren europäischen Nachbarn tendenziell verschlechtert.

Hinzu kommt in Deutschland eine hohe Belastung durch Steuern und Sozialabgaben. Zurzeit zahlen die Beitragszahler für Renten-, Kranken-, Arbeitslosen- und Pflegeversicherung nach Berechnungen der deutschen Arbeitgeberverbände bereits 39,8 Prozent ihres Einkommens. Doch dabei wird es nicht bleiben: Durch einen höheren Beitragssatz zur Pflegeversicherung und steigende Zusatzbeiträge zur Krankenversicherung dürfte die Beitragsbelastung Anfang 2017 auf 40,2 Prozent ansteigen.

Schon derzeit gehört Deutschland im internationalen Vergleich zu den Ländern mit der höchsten Abgabenbelastung auf die Arbeitnehmereinkommen. Nach Berechnungen der OECD muss ein deutscher Single-Haushalt fast 50 Prozent seines Einkommens über Steuern und Sozialversicherungsbeiträge an die öffentliche Hand abführen. Im Durchschnitt der 34 OECD-Länder liegt diese Abgabenquote nur bei gut 35 Prozent, lediglich in Belgien und Österreich werden die Arbeitnehmer noch stärker belastet als in Deutschland. Für verheiratete Paare mit Kindern liegt die deutsche Quote zwar mit 34 Prozent merklich niedriger, allerdings liegt sie auch hier deutlich über dem OECD-Schnitt von knapp 27 Prozent.

Dabei sollte Politik die kommenden Belastungen des Sozialsystems viel stärker in den Blick nehmen und der Versuchung widerstehen, die aktuell günstige Phase für Leistungsausweitungen zu nutzen. Etwa ab dem Jahr 2020 wird die Zahl der Erwerbstätigen in Deutschland allein aus demografischen Gründen stark zurückgehen, während die Zahl der Rentenbezieher deutlich ansteigen wird. Da in unserem umlagefinanzierten Sozialsystem keine Überschüsse angespart werden, sind die höheren Rentenzahlungen und voraussichtlich auch steigenden Gesundheitskosten voll von dann weniger Beitragszahlern zu finanzieren.

Aus demografischer Sicht sind die Jahre zwischen 2020 und 2035 wohl die schwierigsten, denn dann werden die geburtenstärksten Jahrgänge („Baby-Boomer“) in Rente gehen. Dafür muss schon heute Vorsorge getroffen werden, etwa über eine weitere Verlängerung der Lebensarbeitszeit und eine vorausschauende Steuerung der Sozialausgaben. Im Moment beobachten wir in Deutschland leider einen Trend in die entgegengesetzte Richtung. Das bereitet mir Sorge!

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