China: Wachstum stabil – Risiken gestiegen

Die chinesische Wirtschaft hat im zurückliegenden zweiten Quartal dieses Jahres ein stabiles Wachstum erzielt – die Konjunktur hat nicht an Schwung verloren. Dies zumindest signalisieren die offiziellen Wachstumszahlen, die die chinesische Statistikbehörde heute morgen bekannt gegeben hat. Danach lag das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) während der Frühjahrsmonate wie schon im ersten Quartal bei 6,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das vierteljährliche Wachstum hat sich sogar von äußerst niedrigen 1,1 Prozent zum Jahresauftakt auf jetzt 1,8 Prozent beschleunigt.

Dass den offiziell gemeldeten BIP-Daten mit großer Skepsis begegnet wird, ist nicht neu: Zu unbeweglich erscheinen die Wachstumsraten, zu stetig die Wachstumsverlangsamung in Trippelschritten trotz offenkundiger konjunktureller Belastungen, als dass die Zahlen nicht politisch geschönt wären. Auch mit dieser Veröffentlichung scheint Peking einmal mehr auf „Nummer Sicher“ gegangen zu sein: Die gemeldete Wachstumsrate liegt solide innerhalb des neu formulierten Zielkorridors für das diesjährige Wachstum, die Markterwartungen wurden sogar leicht übertroffen. Trotzdem spricht einiges dafür, dass sich das Wachstumstempo in den vergangenen Monaten tatsächlich vergleichsweise stabil gehalten hat, wenngleich vermutlich auf sichtlich niedrigerem Niveau als die offiziellen Zahlen angeben. Darauf deuten zahlreiche weitere aktuelle Konjunkturindikatoren hin. Es zeigt sich allerdings auch, dass diese Stabilität mit zusätzlichen Risiken für die chinesische Wirtschaft „erkauft“ wurde.

So gingen wesentliche Wachstumsimpulse bis zuletzt von einem starken Anstieg der staatlichen Investitionstätigkeit aus, ohne dass dieser Schub jedoch das Wachstum der gesamten Investitionen beleben konnte. Im privaten Sektor kam das Investitionswachstum dagegen fast zum Stillstand – ein „crowding out“, der auf Dauer nicht nachhaltig sein kann. Hinzu kommt, dass das staatliche Defizit, nachdem es bereits 2015 deutlich ausgeweitet wurde und über 3 Prozent des BIP kletterte, in diesem Jahr wohl auch die 4-Prozent-Grenze überschreiten dürfte. Auch wenn die Gesamtverschuldung des chinesischen Staates mit gut 40 Prozent des BIP noch vergleichsweise gering ist – die Spielräume für fiskalische Konjunkturstimuli werden auch für Peking angesichts dieser Haushaltsentwicklung deutlich kleiner. Die Kehrtwende bei den Wohnungsbauinvestitionen dürfte in den vergangenen Monaten ebenfalls positiv zum Wachstum beigetragen haben. Angesichts der zuletzt wieder deutlich stärker steigenden Wohnungspreise ist diese Entwicklung aber gleichermaßen mit Skepsis in Hinblick auf die Stabilitätsrisiken zu sehen.

Wie ist der weitere Ausblick? Für die soeben begonnene zweite Jahreshälfte rechnen wir eher mit einer wieder nachlassenden Wachstumsdynamik – sowohl, was die offiziellen Raten betrifft, als auch, was das vermutlich niedrigere tatsächliche Wachstum angeht: Die Schubkraft der staatlichen Investitionsmaßnahmen wird allmählich nachlassen, eine Kehrtwende bei der Investitionsbereitschaft des Privatsektors ist derzeit nicht auszumachen. Gleichzeitig sind die Perspektiven für die Exportkonjunktur trotz Yuan-Abwertung eher verhalten, da das Brexit-Votum die Wachstumsaussichten vieler wichtiger Handelspartner Chinas belastet.

Der staatliche Investitionsschub hat zwar gezeigt, dass die chinesische Führung nach wie vor willens und in der Lage ist, wirtschaftspolitisch stimulierend auf die Konjunktur einzuwirken. Sowohl die Wirkungskraft als auch die Spielräume solcher Maßnahmen werden aber zusehends kleiner, während positive Effekte von grundlegenden Strukturreformen weiterhin ausbleiben. Hinzu kommen die gewachsenen Stabilitätsrisiken. Wir erwarten deshalb, dass Peking eine weitere Wachstumsabschwächung verbunden mit einer erneuten Absenkung des Wachstumsziels wird tolerieren müssen. Dabei sind die Abstriche, die wir bei den Wachstumsraten in den kommenden Quartalen erwarten, ohnehin nur graduell – bergen in China jedoch politische Sprengkraft. Ende dieses Jahres dürfte die offizielle Wachstumsrate erstmals unter 6,5 Prozent, Ende kommenden Jahres unter 6 Prozent fallen.

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