Türkei: Sichtbar eingetrübter Ausblick für die Konjunktur

In der Türkei greift Präsident Rayyip Erdogan nach dem Putschversuch von Teilen des Militärs hart durch. Massenverhaftungen von Offizieren und Soldaten sind erfolgt. Die Ereignisse vom Wochenende dienen Erdogan nun als willkommener Vorwand, auch im Polizei- und Justizapparat sowie in der Beamtenschaft die Ausschaltung seiner Gegner verstärkt fortzusetzen. Es droht mithin eine völlige „Gleichschaltung“ des öffentlichen und politischen Lebens in der Türkei nach den konservativ-islamischen Vorstellungen Erdogans. Schon Mitte Mai wurde mit der Begründung der Abwehr von Gefahren für die innere Sicherheit die Immunität von 138 oppositionellen Parlamentsmitgliedern aufgehoben. Es gab offenbar schon vor dem Putschversuch umfassende Listen mit Namen von Amtsträgern im Militär-, Polizei- und Justizbereich sowie von Politikern, Journalisten und anderen Personen, die in Fällen wie dem, der nun eingetreten ist, sofort festzusetzen seien. Natürlich hat dies einschüchternde Wirkungen auf all jene, die mehr Liberalität und Demokratie für das Land fordern. Die Türkei verändert ihr Gesicht. Was sind die wirtschaftlichen Folgen für das Land?

Zunächst haben die jüngsten Entwicklungen auf den türkischen Märkten zu erheblichen Turbulenzen geführt, die sich noch nicht wieder vollständig gelegt haben. Die Unsicherheit über die mittel- und längerfristige Stabilität im Lande hat sich erhöht. Investoren sehen gestiegene Risiken für ihre Investitionen nicht mehr nur wegen der Terrorgefahr im Land, sondern auch angesichts der innenpolitischen Lage in der Türkei. Der Aktienindex an der Börse in Istanbul (BIST 100) verlor am Montag über 7 Prozent. Die Renditen für türkische Staatsanleihen werden nun mit höheren Risikoaufschlägen gehandelt. Der Außenwert der Lira war in einer ersten Reaktion nach den Putschmeldungen deutlich zum US-Dollar und auch zum Euro gefallen, hat nach der endgültigen Niederschlagung allerdings einen Großteil seiner Einbußen wieder aufgeholt. Die Volatilität der Lira bleibt aber vorerst hoch.

Trotz aller Turbulenzen hat die Notenbank am Dienstag zum fünften Mal in Folge den Satz für Overnight-Ausleihungen gesenkt, diesmal von 9,0 auf 8,75 Prozent. Ob sie diesen von Erdogan geforderten Kurs von „unerschrockenen“ Zinssenkungen noch weiter fortsetzen kann, ist jedoch zweifelhaft. Denn angesichts der volatilen Währung bleibt die Gefahr von abwertungsbedingten Inflationsschüben besonders hoch. Die Inflation hatte sich dabei bereits schon vor dem Putsch von 6,6 Prozent im Mai auf 7,6 Prozent im Juni erhöht – die höchste Rate seit Februar. Die Rating-Agenturen überlegen derzeit, das Bonitätsurteil für die Türkei abzuwerten. Moody´s hat bereits als erste Agentur gedroht, seine Bewertung für die Türkei nach unten zu nehmen. Als Gründe wurden unter anderen mögliche negative Auswirkungen der jüngsten Ereignisse auf das türkische Wirtschaftswachstum angeführt.

Das türkische Wachstumstempo war im ersten Quartal dieses Jahres mit 4,5 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal – das entspricht immerhin +0,8 Prozent gegenüber dem unmittelbaren Vorquartal – recht hoch. Es ist der Regierung zugute zu halten, dass sie sich mit einer Reihe von wirtschaftspolitischen Maßnahmen gegen die Gefahr eines Wirtschaftsabschwunges stemmt, zumal die Türkei in den vergangenen Monaten von mehreren verheerenden Terroranschlägen heimgesucht worden ist, die das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung, deren Konsumlust und das Geschäftsklima im Lande beeinträchtigt haben. Zu nennen ist etwa ein avisiertes Konjunkturpaket sowie die Ankündigung, die Militäraktionen in der kampferschütterten Südostregion zurück zu fahren und dort ein Wiederaufbauprogramm zu starten. Es ist nun aber dennoch davon auszugehen, dass sich das Konjunkturtempo in diesem Jahr erkennbar verlangsamen wird. Bereits im zweiten Quartal dürfte es wegen der Ausfälle im wichtigen Tourismussektor deutlich an Dynamik verloren haben. Die „eiserne Hand“ Erdogans mag bei der Durchsetzung von wirtschaftlichen Stabilisierungsmaßnahmen zwar durchaus zunächst helfen, sie provoziert aber möglicherweise auch neue Proteste, Unruhen und Unsicherheiten. Gegner Erdogans könnten in den Untergrund abtauchen.

Ein besonderes Risiko für die Türkei ist es auch, dass im Nachgang zum jüngsten Putsch internationale Kapitalgeber und Investoren ihr Engagement in der Türkei erneut überdenken und im Zweifel zurückfahren dürften. Wenn sich – was wahrscheinlich ist – der Nettokapitalabfluss der letzten Monate fortsetzt, wird sich auch die Lira nicht nachhaltig stabilisieren können. Der importpreisbedingte Inflationsdruck nach oben wird damit vorerst anhalten. Angesichts eines von strukturellen Faktoren dominierten Leistungsbilanzdefizites von über 4 Prozent des Bruttoinlandsproduktes bleibt die Türkei zudem sehr „verletzlich“ gegenüber jeglicher Unsicherheitsfaktoren und Stimmungsschwankungen am Markt.

Wir haben bisher ein Wirtschaftswachstum von rund 3,5 und 3,6 Prozent für dieses und das nächste Jahr unterstellt, nach 4,0 Prozent im Jahr 2015. Die jüngsten Geschehnisse haben jedoch die Wachstumsrisiken nach unten verschärft. Vor allem der Tourismussektor wird empfindliche Einbußen erleiden. Mangels ausreichender Kapitalzuflüsse aus dem Ausland könnte auch die Investitionstätigkeit leiden. Trotz des aus unserer Sicht überraschend guten Wachstums im ersten Quartal dürfte sich die Konjunkturdynamik bis Jahresende soweit abschwächen, dass für das Gesamtjahr 2016 bestenfalls eine Wachstumsrate von rund 3 Prozent erreichbar erscheint. Auch nächstes Jahr sollte es nicht viel höher ausfallen.

Artikel bewerten


Vielen Dank für Ihre Wertung. Ihre Wertung:
Aktuell ist noch keine Bewertung vorhanden. Seien Sie der Erste! Aktuelle durchschnittliche Bewertung des Artikels: 3.00

Ähnliche Beiträge

Hinterlasse eine Antwort

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *