Kaum Wachstum – Kaum Zinsen

Es gibt eine häufig angeführte Faustformel, die besagt, dass Staatsanleiherenditen ungefähr dem nominalen Wachstum des Bruttoinlandsproduktes entsprechen sollen. Diese Formel beschreibt jedoch keinen exakten Zusammenhang, sondern eine strukturelle, langfristige Beziehung zwischen dem Finanzmarkt und der Realwirtschaft. Das Renditeumfeld von Staatsanleihen ist aufgrund unterschiedlicher Wirkungskanäle mit der wirtschaftlichen Aktivität eines Landes verknüpft. Die Renditen folgen daher langfristig in der Regel eher dem durch das Potentialwachstum vorgegebenen Trend. Das Potentialwachstum weltweit wiederum ist durch strukturelle Änderungen geprägt und befindet sich seit einigen Jahren im Sinkmodus. Hierfür verantwortlich sind vor allem das geringe Produktivitätswachstum und die anhaltende Investitionsschwäche. Allerdings hat in den Industriestaaten auch die Verschiebung der Anteile der Segmente am Bruttoinlandsprodukt – weg vom Verarbeitenden Gewerbe hin zum Dienstleistungssektor – das Potentialwachstum gesenkt. Neben diesen realwirtschaftlichen Faktoren spielt auch die geringe Inflationsdynamik für den anhaltend sinkenden Wachstumspfad des nominalen BIP eine wichtige Rolle. Die Globalisierung und die demographische Entwicklung haben zu einer strukturell geringeren lohngetriebenen Inflation geführt.

Neben diesen strukturellen Einflussgrößen prägen auch die Folgen der Finanzmarktkrise das aktuelle Renditeumfeld. Durch die expansiven Maßnahmen der Zentralbanken und den anhaltend hohen Anlageüberschuss privater Investoren ist das Niveau der Realrenditen sehr deutlich gesunken, wenngleich die Notenbanken ihrerseits auf das makroökonomische Umfeld reagiert haben und sie somit nicht der alleinige Auslöser der Entwicklung sind. Das aufgrund der Investitionsschwäche nur mäßige Kreditwachstum in den letzten Jahren kann mit dem weiter steigenden Anlagebedarf der Investoren außerdem nicht mithalten.

Das Potentialwachstum dürfte auch in den kommenden Jahren niedrig bleiben oder sogar noch weiter sinken. Der demographische Wandel wird in den kommenden Jahren voranschreiten und das Wachstum aufgrund stagnierender Bevölkerungszahlen zusätzlich abschwächen. Eine Rückkehr der Inflation in Richtung der 2%-Marke wird noch einige Zeit dauern. Die Zinspolitik der Notenbanken trägt momentan den sich geänderten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen Rechnung. Zwar wird es Zinsanhebungszyklen auch in Zukunft geben, jedoch wird wohl die absolute Höhe der Leitzinsen im Vergleich zu früheren Perioden deutlich niedriger ausfallen. Das niedrige Renditeumfeld wird uns noch einige Zeit erhalten bleiben.

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