China: Stimmungshoch in der Industrie – nur eine Eintagsfliege?

Die jüngsten Umfrageergebnisse aus China haben heute morgen für eine Überraschung gesorgt: Der vom privaten Dienstleister Markit ermittelte Stimmungswert für das verarbeitende Gewerbe hat im Juli einen beträchtlichen Sprung gemacht und ist – ausgehend von einem relativ niedrigen Niveau von 48,6 Punkten – um volle zwei Indexpunkte auf 50,6 Punkte geklettert. Damit liegt der Indikator erstmals seit eineinhalb Jahren wieder oberhalb der Wachstumsgrenze von 50 Indexzählern, während er einen solch kräftigen Anstieg seit Sommer 2013 nicht mehr verbucht hat. Nahezu alle Teilbereiche der Einkaufsmanagerbefragung weisen eine Verbesserung gegenüber dem Vormonat auf, am deutlichsten sind aber die Subindizes für die Produktion und die Neuaufträge gestiegen. Also, alles gut in China?

Wir haben zwar nicht mit einem Anstieg des Indikators gerechnet, würden die überraschende Stimmungsaufhellung jetzt aber auch nicht zum Anlass nehmen, die konjunkturelle Situation in China positiver einzuschätzen als bisher. Dabei lohnt beispielsweise der Blick auf das ebenfalls heute morgen erschienene und zeitgleich erhobene Industrieklima des chinesischen Statistikamtes – der sogenannte „offizielle“ Einkaufsmanagerindex. Obwohl dieser Indikator üblicherweise oberhalb des Markit-Index notiert, hat er zuletzt gegenüber dem Juni-Wert leicht nachgegeben und ist mit 49,9 nach 50 Punkten im Vormonat sogar wieder unter die Expansionsschwelle gefallen. Die beiden Einkaufsmanagerindizes spiegeln also ein völlig unterschiedliches Stimmungsbild wider, das in diesem Ausmaß bislang kaum vorgekommen ist. Es bleibt also abzuwarten, in wie weit dieser Stimmungsumschwung, den der Markit-Indikator signalisiert, von Dauer sein wird, oder ob er in den kommenden Monaten schon wieder eine Korrektur erfährt.

Wir halten deshalb vorerst an unserer Einschätzung fest, dass sich das chinesische Wirtschaftswachstum in der laufenden zweiten Jahreshälfte weiter graduell verlangsamen wird. Die staatlichen Investitionsmaßnahmen, die die Konjunktur noch in den vergangenen Monaten gestützt haben, werden allmählich an Schubkraft verlieren, während sich der Privatsektor mit Investitionen zurzeit stark zurückhält. Der aktuelle Anstieg des Markit-Einkaufsmanagerindexes könnte zwar ein erster Hoffnungsschimmer sein, dass der Privatsektor, der in dieser Umfrage höher gewichtet ist als in der parallelen Befragung durch die Statistikbehörde, wieder etwas zuversichtlicher in die Zukunft schaut. Dies könnte auch der Investitionsbereitschaft zugutekommen. Allerdings hat die private Investitionstätigkeit zuletzt kaum mehr als stagniert, so dass es noch ein weiter Weg ist, bis die Investitionen des Privatsektors wieder einen spürbar positiven Beitrag zum Wachstum leisten werden. Und nachdem das staatliche Budgetdefizit bereits im vergangenen Jahr bei über 3 Prozent der Wirtschaftsleistung lag und in diesem Jahr wohl auch die 4-Prozent-Grenze überschreiten wird, werden auch die Spielräume für staatliche Konjunkturstimuli – selbst für Peking – kleiner.

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