Britische Wirtschaft steuert zielsicher auf eine Rezession zu

Letztlich war es kaum anders zu erwarten gewesen: Aber das Bild, das die jüngsten Umfrageindikatoren zur Stimmung in der britischen Wirtschaft unmittelbar nach dem Brexit-Votum zeichnen, ist erdrückend. Das Industrieklima, gemessen am Einkaufsmanagerindex für das verarbeitende Gewerbe, ist im Juli auf den niedrigsten Stand seit drei Jahren gefallen, der Einbruch um fast vier Indexpunkte war sogar so kräftig wie seit fünf Jahren nicht mehr. Mit nur noch knapp 48 Punkten notiert der Indikator nun deutlich unter der Schwelle von 50 Punkten, ab der Wachstum signalisiert wird. Dabei hat sich die Einschätzung der Einkaufsmanager noch während der Befragungsperiode deutlich verschlechtert. Der nun endgültige Indikatorwert ist gegenüber einer vorläufigen Schätzung, die nur auf 85 Prozent der Umfrageergebnisse basierte, nochmals um fast einen vollen Indexpunkt nach unten revidiert worden. Einhellig geben die befragten Unternehmen die nun bestehende Unsicherheit über die wirtschaftlichen Konsequenzen des Volksentscheids als Hauptgrund für die nun deutlich schlechtere Bewertung an.

Noch pessimistischer ist die Stimmung im Dienstleistungssektor, hier sank der Einkaufsmanagerindex sogar um fast fünf Indexpunkte – das hat es in der rund 20-jährigen Historie dieses Indikators bislang noch nicht gegeben. Der aktuelle Stand von 47,4 Punkten ist so niedrig wie seit der Wirtschaftskrise 2008/09 nicht mehr. Zu Recht befürchtet vor allem die britische Finanzindustrie einschneidende Folgen durch den EU-Austritt und den absehbaren Verlust des sog. „EU-Passports“, der den in Großbritannien ansässigen Banken den problemlosen Vertrieb von Finanzdienstleistungen in der gesamten EU ermöglicht. Die zumindest partielle Abwanderung zahlreicher internationaler Finanzinstitute aus London ist inzwischen ein realistisches Szenario, das weitreichende Folgen auch für Beschäftigung, Konsum oder Bautätigkeit hätte. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass auch im Bausektor und bei den privaten Haushalten die Stimmung eingeknickt ist. In der Bauindustrie liegt der entsprechende Einkaufsmanagerindex mit 45,9 Punkten nun ebenfalls auf einem Sieben-Jahres-Tief, wobei sowohl der Bereich des Gewerbebaus als auch der Wohnungsbau mit einer deutlich nachlassenden Nachfrage rechnet. Und die britische Bevölkerung, die den EU-Austritt ja mehrheitlich gewünscht hat, scheint über die Konsequenzen ihrer Entscheidung selbst erschrocken. Dies zumindest signalisiert das Konsumklima, das im Juli mit Rekordtempo gesunken ist. Dabei haben die Verbraucher vor allem bei ihren Konjunkturerwartungen, aber auch bei ihren Einkommenserwartungen deutliche Abstriche gemacht.

Bislang liegen nur diese Stimmungsindikatoren, aber noch keine „harten“ Zahlen zur konjunkturellen Entwicklung in Großbritannien nach dem „Brexit-Schock“ vor. Erste Daten, die einen Anhaltspunkt zum tatsächlichen Wirtschaftswachstum im Juli geben können, werden erst Ende August bis Anfang September bekannt gegeben. In der Vergangenheit war aber ein derart starker Stimmungsumschwung in der britischen Wirtschaft auch stets mit einem Wachstumseinbruch verbunden, während solch niedrige Niveaus der Einkaufsmanagerindizes wie aktuell zuverlässig einen Rückgang der Wirtschaftsleistung vorhergesagt haben. Wir halten deshalb an unserer Prognose fest, dass die britische Wirtschaft infolge des letztlich überraschenden Brexit-Votums im laufenden Quartal deutlich schrumpfen wird. Und da die Unsicherheit erst einmal anhalten wird, ist auch nicht mit einer baldigen Erholung zu rechnen. Eine Rezession in dieser zweiten Jahreshälfte ist für Großbritannien wohl unausweichlich.

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