Zinssenkung war gestern, heute ist Liquiditätssteuerung

Die Bank of England hat im Rahmen ihres gestern verkündeten Maßnahmenpakets als Reaktion auf den Brexit ihren Leitzins gesenkt. Damit befinden sich die Leitzinsen der führenden Zentralbanken allesamt nahe oder sogar unter der Nullgrenze. Von weiteren Leitzinssenkungen ist von heute aus gesehen jedoch nicht mehr auszugehen. So wie die kritischen Äußerungen einiger BoE-Mitglieder aber auch die Erfahrungen mit Negativzinsen in der Eurozone und in Japan zeigen, überwiegen die Nachteile einer solchen Geldpolitik und nehmen mit der Zeit noch zu. Insbesondere die hohen Belastungen des für die Kreditschöpfung wichtigen Bankensektors, mögliche adverse Effekte auf die Höhe von Kreditzinsen und erhöhte Bargeldhaltung sind oder können die Folge sein. Andererseits sehen die Notenbanken weiterhin die Notwendig für eine anhaltend lockere Geldpolitik. Da weiter sinkende Zinsen mit zu hohen ökonomischen und gesellschaftlichen Kosten verbunden wären, dürften die Notenbanken in Zukunft vorzugsweise die Werkzeuge ihrer außerordentlichen Maßnahmen einsetzen, um Liquidität in die Märkte zu schleusen und damit das monetäre Umfeld noch weiter zu lockern.

Eine einfache Ausweitung der Anleihekaufprogramme ist aber auch nicht die Lösung. Denn eine weitere Erkenntnis der Notenbanken scheint zu sein, dass die Wirksamkeit der Anleihekäufe in den QE-Programmen mit zunehmender Dauer abnimmt. Zuletzt hatte die Bank of Japan, die bei außerordentlichen Maßnahmen unter den Zentralbanken am längsten und tiefsten in den Werkzeugkasten gegriffen hat, angekündigt, die Wirksamkeit ihrer ergriffenen Maßnahmen auf den Prüfstand zu stellen. Dies deutet schon an, dass nach noch wirksameren Instrumenten gesucht wird, die dabei helfen sollen, die Inflation anzukurbeln.

Das muss nicht das Helikopter-Geld sein, dessen Konzept und Wirkung doch eher theoretisch erscheinen. Praktikable Derivate dieser Theorie sind aber möglicherweise umsetzbar, um den Weg durch den weiterhin verstopften Kreditkanal abzukürzen. Beispielsweise könnte eine Notenbank direkt Fiskalmaßnahmen, Steuersenkungen und reformbedingte Haushaltslücken finanzieren oder Anleihen, die speziellen Wachstumsmaßnahmen gewidmet sind, im Rahmen ihres QE-Programms am Sekundärmarkt kaufen. Hierbei muss sichergestellt werden, dass die Maßnahmen im Einklang mit geltendem Recht stehen, die Verschuldungsquoten beachtet, aber auch Moral-Hazard-Risiken ausgeschlossen werden.

Damit könnte sich in den kommenden Monaten eine Änderung in der Kommunikationspolitik der Notenbanken ergeben. Das Instrument der Zinssenkungen wird zunehmend in den Hintergrund rücken und vielleicht mittelfristig sogar auf dem Prüfstand kommen, wenn die negativen Folgen der Niedrigzinspolitik zu offensichtlich werden. Stattdessen könnte der Rahmen der außergewöhnlichen Maßnahmen deutlich ausgeweitet werden. Für die Notenbanken ist sehr wichtig, dass sie den Nimbus der Fähigkeit nicht verlieren, die sich ihnen stellenden Probleme anzupacken und zu lösen. Angesichts der sinkenden Wirksamkeit der aktuell angewandten Maßnahmen und dem schwindenden Vertrauen darin, werden unweigerlich neue Instrumente folgen.

 

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