Target2-Salden driften durch EZB-Anleihekaufprogramm erneut auseinander

In den vergangenen Monaten sind die Target2-Salden der verschiedenen Eurozonenländer kontinuierlich auseinandergedriftet. Die Target2-Forderungen der Länder Deutschland, Luxemburg, Finnland und der Niederlande summieren sich inzwischen auf etwa 950 Mrd. Euro. Im Gegenzug haben insbesondere Notenbanken der europäischen Peripherie in erheblichem Umfang Verbindlichkeiten gegenüber dem Eurosystem angehäuft. Dies ist allerdings kein neues Phänomen. Bereits im Zeitraum von Juli 2011 bis August 2012, in Zeiten der Kapitalflucht aus der EWU-Peripherie, war eine vergleichbare Entwicklung auszumachen. Der treibende Faktor hinter dieser Entwicklung hat sich im Zeitablauf allerdings verändert. Die Vermutung liegt nahe, dass der gegenwärtige Anstieg der Target2-Salden in engem Zusammenhang mit dem seit März vergangenen Jahres währenden Anleiheankaufprogramm der EZB steht. So geht der Anstieg der positiven Target-Salden in den Ländern Deutschland, Finnland, Luxemburg und den Niederlanden vergleichsweise eng mit einem Anwachsen des EZB-Anleiheportfolios einher.

Im Zusammenhang mit den EZB-Anleihekäufen sind sowohl indirekte als auch direkte Effekte auf die Entwicklung der Target2-Salden theoretisch vorstellbar. Anleihekäufe einer nationalen Zentralbank von inländischen Geldinstituten haben keinen unmittelbaren Einfluss auf die Target2-Salden. Sollte allerdings die in den Markt gepumpte Zentralbankliquidität ins Ausland abfließen, würde sich dies in einem Anstieg der Target2-Verbindlichkeiten widerspiegeln. Einen direkteren Einfluss auf die Entwicklung der Target2-Salden haben die Anleihekäufe von nationalen Zentralbanken von ausländischen Kreditinstituten. Hier erfolgt die Gutschrift der Zentralbankliquidität grenzüberschreitend.

Anhand der Anleihekäufe der italienischen und spanischen Notenbank von inländischen bzw. ausländischen Investoren lässt sich der Anstieg der Target2-Verbindlichkeiten im Zeitraum von März 2015 bis Juni dieses Jahres nachzeichnen. Die früheren Gründe der massiven Kapitalflucht aus den lokalen Bankensystemen der Peripherie sind dafür weniger verantwortlich. Beispielsweise fällt mit Blick auf die Entwicklung der Guthabenkonten der italienischen Geschäftsbanken bei der Banca d’Italia auf, dass diese während der umfangreichen Anleihekäufe der italienischen Notenbank auf vergleichsweise niedrigem Niveau verharren. Damit lässt sich indirekt die Vermutung bestätigen, dass die EZB-Anleihekäufe die Entwicklung der Target2-Salden derzeit prägen und nicht eine Verspannung im Bankensystem. Es zeigt aber auch, das ausländische Anleger bereit sind, sich von Peripherierisiken zu trennen und keine neuen mehr eingehen, da sich die Target2-Forderungen nicht abbauen.

Letztlich spiegelt sich im Auseinanderdriften der Target2-Salden die unterschiedliche Verteilung der durch die EZB in den Markt gepumpten Zentralbankliquidität wider. In einer Währungsunion sollte diese Fragmentierung zwischen den einzelnen Euroländern allerdings weniger ausgeprägt sein. Die unterschiedliche Risikowahrnehmung der Investoren gegenüber den verschiedenen Euro-Ländern zeigt zugleich, dass die in der Krise gewachsenen Zweifel an der Robustheit des einheitlichen Wirtschaftsraums bei weitem noch nicht abgebaut werden konnten.

 

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