EZB wartet noch ab, aber nicht mehr so lange

Die europäischen Währungshüter haben im Rahmen ihrer heutigen Sitzung wider der Markterwartungen entschieden und haben ihre noch verbleibende geldpolitische Munition aufgespart. Im Rahmen der Pressekonferenz hat EZB-Chef Draghi allerdings die grundsätzliche Handlungsbereitschaft der Notenbank hervorgehoben, sollte dies zur Erreichung des Inflationsziels notwendig sein. Da marktseitig bereits zur heutigen Sitzung mit einer Anpassung des geldpolitischen Stimulus gerechnet worden war, kann man von einer Enttäuschung sprechen, die sich so auch in den Reaktionen der Finanzmärkte widerspiegelte.
Im Eingangsstatement hat der EZB-Chef hervorgehoben, dass sich die konjunkturelle Erholung der Eurozone in einem moderaten Tempo fortsetzen werde. Allerdings gäbe es angesichts der Unsicherheiten im Zusammenhang mit dem Brexit gewisse Abwärtsrisiken für die europäische Konjunktur. Diese spiegeln sich auch in den überarbeiteten EZB-Stabsprojektionen wider. Im Vergleich zu den Juni-Projektionen wurde der Wachstumsausblick für 2017 und 2018 um jeweils 0,1 Prozentpunkte nach unten revidiert. Hinsichtlich der Inflationsentwicklung rechnen die Währungshüter mit einer zunächst auf niedrigem Niveau verharrenden Teuerungsrate. Bis 2018 sollte sich dann aber die Lücke zum Inflationsziel zusehends schließen.
Draghi entgegnete Fragen warum die EZB trotz der Abwärtsrevision der Konjunkturprojektionen keine Ausweitung des geldpolitischen Stimulus beschlossen habe überraschend damit, dass diese moderate Abwärtsrevision bis auf weiteres keinen neuen geldpolitischen Impuls notwendig mache. Er fügte in diesem Zusammenhang hinzu, dass im Rahmen der heutigen Sitzung nicht über eine zeitliche Verlängerung des Kaufprogrammes diskutiert wurde. Zugleich hob er allerdings hervor, dass die EZB eine planmäßige Umsetzung des Kaufprogrammes sicherstellen werde. Arbeitsgruppen würden mögliche Handlungsoptionen erarbeiten, um dem sich verkleinernden Spektrum ankaufbarer Anleihen zu begegnen. Substanziell neue Maßnahmen oder eine weitere Senkung der Leitzinsen sollten sich aufgrund der negativen Effekte dabei nicht ergeben, eher Anpassungen, die Anleiheknappheiten adressieren.
Die Diskussion um weitere EZB-Maßnahmen dürften sich in den kommenden Monaten intensivieren. Eine zeitliche Verlängerung des QE-Programmes über März 2017 hinaus ist dabei weiterhin vorstellbar. Zugleich scheint in der EZB aber auch der Gedanke zu reifen, wonach es wenig sinnvoll ist, die Dosis der monetären Lockerung immer weiter zu erhöhen. Immer geringeren positiven Auswirkungen auf Investitionen und Wachstum stehen immer mehr negative Nebenwirkungen für das Finanzsystem und die Altersvorsorge gegenüber. Vor diesem Hintergrund werden Rufe nach einer wachstumsfördernden Fiskalpolitik lauter. Die Bereitschaft, die Fiskalkriterien noch großzügiger als bisher auszulegen, dürfte zunehmen und damit auch der Druck auf Deutschland, einer solchen Lockerung zuzustimmen.

Artikel bewerten


Vielen Dank für Ihre Wertung. Ihre Wertung:
Aktuell ist noch keine Bewertung vorhanden. Seien Sie der Erste! Aktuelle durchschnittliche Bewertung des Artikels: 3.80

Hinterlasse eine Antwort

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *