Schwellenländer vor Trendwende – Positiv für Industrieländer

Die Weltwirtschaft will einfach nicht in Schwung kommen, der Welthandel stagniert. Die Notenbanken tun was sie können, um die wirtschaftliche Entwicklung zu unterstützen. Nun werden Rufe laut, dass die Staaten durch höhere Staatsausgaben die Konjunktur anschieben. Jedoch ohne eine merkliche wirtschaftliche Belebung der großen Schwellenländer werden die Erfolge dieser Maßnahmen nicht nachhaltig sein. Jedoch deutet sich in den Ländern langsam eine Trendwende an, was den globalen Wachstumsausblick verbessern dürfte.

In den letzten zwei Jahren war die Entwicklung in den meisten großen Schwellenländern alles andere als erfreulich. Die Krisenlage etwa in Brasilien, Russland und Südafrika hat stark am Nimbus der „Wachstumsmärkte“ genagt. Auch China, lange der Treiber des globalen Wachstums, kann sich seinem Trend hin zu ständig niedrigeren gesamtwirtschaftlichen Zuwachsraten nicht erwehren. Peking war bereits mehrfach gezwungen, das jährliche Wachstumsziel nach unten zu nehmen und dürfte diese Praxis auch in den nächsten Jahren fortsetzen. Positive Ausnahme in den letzten beiden Jahren war lediglich Indien, wo seit dem Regierungswechsel 2014 Ministerpräsident Modi beherzt neue Reformen angeht. Indiens Wachstum ist denn auch inzwischen deutlich höher als das in China.

Sofern keine neuen akuten Krisenherde aufflammen wie etwa im Fall des Konfliktes um die Ukraine, und innenpolitische Unruhe, wo sie denn herrscht, gedämpft bleibt, könnte die wirtschaftliche Krise in einigen großen BRICS-Ländern, namentlich in Brasilien und Russland, bald dem Ende zu gehen. 2018 kann dann durchaus ein Jahr werden mit recht guten gesamtwirtschaftlichen Zuwachsraten für die genannten Länder. Für eine baldige Wende hinaus aus dem Tal der Rezession gibt es schon jetzt gewisse Anzeichen.

In Brasilien werden dabei aber erst die Präsidentschaftswahlen im Oktober 2018 entscheiden, ob der Reformkurs des derzeitigen Amtsinhabers Michel Temer Bestand haben wird. Bis dahin wird alles, was wirtschaftspolitisch getan wird, nur „provisorischen“ Charakter haben. Aber der jetzige Reformweg führt grundsätzlich in die richtige Richtung. Die Industrieproduktion und die Investitionstätigkeit zeigen bereits wieder aufwärts – die Anlageinvestitionen sind im zweiten Quartal 2016 erstmals seit zehn Quartalen wieder gestiegen (+0.4% Q/Q). Dies ist aktuell ein wichtiges Signal dafür, dass die Konjunktur nach sechs negativen Quartalsraten beim Bruttoinlandsprodukt bald „drehen“ und das Jahr 2017 zumindest keine negative Wachstumsrate mehr ausweisen wird. Voraussetzung dafür ist jedoch, dass das Investitionsklima weiter gestärkt wird, so dass sich dann auch der Konsum normalisieren kann. Noch zeigt der Trend bei der  Arbeitslosenquote nämlich nach oben! Die Reformen entscheiden auch darüber, ob Direktinvestoren aus dem Ausland  wieder mehr Interesse an Brasilien finden. Die überfällige Umgestaltung des komplexen Steuersystems sowie der Ausbau der Infrastrukturen würden hier positiv wirken. Ein Risiko dafür, dass die erwartete Konjunkturwende verschleppt wird, besteht darin, dass die „unpopulären“ Maßnahmen wie etwa die Schnitte bei den Sozialausgaben, die zur Konsolidierung des Staatshaushaltes aber nötig sind, der Bevölkerung am Ende zu weit gehen und sich das politische Klima wieder verhärtet.

Russland wird mehr als andere BRICS-Länder von höheren Ölpreisen profitieren. Die bislang erreichte Erholung der Ölpreise reicht aber kaum aus, um die russische Wirtschaftskrise endgültig und dauerhaft zu überwinden. Erschwerend kommt für den Kreml hinzu, dass der staatliche „Stabilitätsfond“ zuletzt stark in Anspruch genommen worden ist. Wird das Ausmaß der Entnahmen hier nicht bald gedrosselt, könnte er möglicherweise schon im Laufe des kommenden Jahres weitgehend ausgeschöpft sein. Damit besteht Grund zu der Annahme, dass die Regierung an ihren Budgetkürzungen vorerst festhält. Auch das Konsumklima dürfte wohl wegen der Realeinkommenseinbußen im privaten Sektor negativ bleiben. Obwohl die Rezession im ersten Halbjahr 2017 überwunden sein könnte, dürfte das Wachstumstempo Russlands im nächsten Jahr eng begrenz bleiben. Wir sehen es bei unter 1 Prozent.

In China dürfte im nächsten Jahr der leichte Abwärtstrend beim Potenzialwachstum dagegen anhalten; die demografische Entwicklung (leicht schrumpfende Erwerbsbevölkerung) und die nachlassende Produktivität werden das Wirtschaftswachstum weiter dämpfen, so dass der Zuwachs des Bruttoinlandsproduktes wohl deutlich unter der für dieses Jahr erwarteten Rate von 6,6 Prozent liegen wird. Demgegenüber sind wir für Indien wegen der eingangs bereits erwähnten Reformprozesse optimistisch. Dort dürfte sich das Wirtschaftswachstum im nächsten bei knapp 7 ½ Prozent und somit auf einem recht hohen Niveau stabilisieren. Wir erwarten zwar nicht, dass bis April 2017 die kürzlich beschlossene Einführung der landesweit einheitlichen Mehrwertsteuer vollwirksam in die Praxis umgesetzt sein wird. Von dieser sind auf jeden Fall in den Folgejahren deutlich positive Wachstumsimpulse zu erwarten, die im günstigen Fall auf bis zu 1 Prozentpunkt geschätzt werden können.

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