China: Weiter stabiles Wachstum, die Risiken jedoch bleiben hoch

Die chinesische Wirtschaft hat sich auch während der diesjährigen Sommermonate auf einem äußerst stabilen Wachstumspfad bewegt. Dies zumindest legen die offiziellen Zahlen zum Wirtschaftswachstum im zurückliegenden dritten Quartal nahe, die heute Morgen veröffentlicht wurden. Danach ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP) gegenüber dem Vorjahr – genauso wie in den beiden vorangegangenen Quartalen – um 6,7 Prozent gestiegen. Die Markterwartungen wurden so zumindest bestätigt und auch das Wachstumsziel, das Pekings Wirtschaftslenker zu Beginn dieses Jahres mit einer Spannbreite von 6,5 bis 7 Prozent veranschlagt haben, konnte weiterhin eingehalten werden. Das vierteljährliche Wachstum hat sich mit einem Wert von zuletzt 1,8 Prozent gegenüber (nach oben revidierten) 1,9 Prozent im zweiten Quartal nur geringfügig verlangsamt, lässt damit jedoch, entgegen unseren Erwartungen, keine Zunahme des wirtschaftlichen Schwungs im zurückliegenden Quartal erkennen.

Darauf hatten vor allem die Stimmungsindikatoren hingedeutet, die sich insbesondere in der Industrie in den vergangenen Monaten deutlich verbessern konnten. Das Ergebnis der Markit-Einkaufsmanagerbefragung war im zurückliegenden Quartal sogar so gut wie seit zwei Jahren nicht mehr. Dagegen hat sich das tatsächliche Wachstum in der Industrie im gesamten dritten Quartal nicht beschleunigt, im September hat die Dynamik unerwartet wieder nachgelassen. Auch die Einzelhandelsumsätze als Indikator für den privaten Konsum haben im September in preisbereinigter Rechnung wieder an Schwung verloren, wenngleich unter dem Strich für das gesamte dritte Quartal noch eine leichte Zunahme des Wachstumstempos bestehen blieb.

Insgesamt zeichnen die nun für das dritte Quartal vollständig vorliegenden monatlichen Konjunkturindikatoren ein gemischtes Bild. Negative und positive Aspekte dürften sich in etwa die Waage gehalten haben, so dass die Darstellung einer stabilen Wachstumsentwicklung durchaus plausibel ist. Auf der positiven Seite ist ganz sicher die Belebung der privaten Investitionstätigkeit hervorzuheben, die nach deutlichen Rückgängen im Frühsommer nun wieder erkennbar wächst. Sie gleicht damit den allmählich nachlassenden Schub der staatlichen Investitionen aus, mit denen Peking die Konjunktur seit Jahresbeginn anschiebt. Mit einem jährlichen Zuwachs von rund 20 Prozent sind die Fiskalmaßnahmen zurzeit aber immer noch ein wichtiger Wachstumsfaktor. Auch die Wohnungsbauinvestitionen haben ihre Erholung bis zuletzt fortgesetzt.

Für erhebliche Enttäuschung haben dagegen die Zahlen vom Außenhandel gesorgt, die nach einer recht erfreulichen Entwicklung im August im September wieder deutlich eingeknickt sind. Die Exporte schrumpften um 10 Prozent gegenüber dem Vorjahr – der stärkste Rückgang seit sechs Monaten –, wodurch das Wachstumsergebnis im gesamten dritten Quartal unerwartet schwach ausfiel. Auch die Importe lagen zuletzt wieder unter ihrem Vorjahreswert. Der Außenhandel bleibt somit ein Schwachpunkt der Konjunkturentwicklung Chinas: Die Exporte leiden weiter unter der Schwäche des Welthandels, und trotz der inzwischen deutlichen Abwertung des Yuan zeichnet sich keine nachhaltige Kehrtwende ab.

Unter konjunkturellen Gesichtspunkten ist die robuste Wachstumsentwicklung im dritten Quartal positiv zu sehen, war der stabile Verlauf noch zur Jahresmitte so nicht absehbar. Wir haben deshalb unlängst unsere Wachstumsprognose für dieses Jahr geringfügig auf 6,6 Prozent heraufgesetzt, womit wir implizieren, dass das BIP-Wachstum zum Jahresschluss zwar nachlässt, den Zielkorridor Pekings aber auch weiterhin nicht verlassen wird – ein wichtiges politisches Signal. Für das kommende Jahr rechnen wir zwar mit einer erneuten Absenkung der Wachstumsvorgaben auf 6 bis 6,5 Prozent. Mit einem Ergebnis von 6,2 Prozent dürfte aber auch dieses Ziel im Jahresverlauf eingehalten werden. Vor allem unmittelbar vor dem wichtigen Parteitag im Herbst 2017, auf dem die Führungsriege für eine weitere fünfjährige Amtszeit bestätigt bzw. zum Teil ausgewechselt werden soll, werden die Wirtschaftslenker kaum größeren Risiken mehr eingehen wollen.

Mit zunehmender Sorge sehen wir jedoch die Entwicklung am Immobilienmarkt, sowie die ausufernde Verschuldung in allen Bereichen der Wirtschaft, vor allem aber im Unternehmenssektor. Während die Preise für Wohnimmobilien inzwischen in etlichen Städten mit zweistelligen Wachstumsraten steigen, ist die Unternehmensverschuldung in China so hoch, wie in kaum einem anderen Land der Welt. Dies stellt ein erhebliches Risiko für die Finanzstabilität des Landes dar, das auch Peking inzwischen als solches benennt und eindämmen will. Ohne Wachstumseinbußen wird dies jedoch nicht machbar sein, zumal die chinesische Regierung mit ihren jüngsten Konjunkturstimuli selbst dazu beigetragen hat, die Entwicklung deutlich zu verschärfen. Mehr denn je steht Peking derzeit also vor der Gratwanderung zwischen Wachstumsförderung und notwendigen, wenn nicht überfälligen, Strukturverbesserungen. Der Wachstumstrend wird vor diesem Hintergrund wohl abwärtsgerichtet bleiben.

 

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