Britische Wirtschaft trotzt dem Brexit – noch…

Die britische Wirtschaft hat heute Morgen gezeigt, dass sie immer wieder für eine Überraschung gut ist: Entgegen anfänglicher Befürchtungen hat das unerwartete Brexit-Votum vom Juni der Wirtschaft bislang kaum geschadet – das Wachstum ist nicht nur nicht einknickt, der konjunkturelle Schwung hat während der Sommermonate sogar nur unwesentlich nachgelassen. Mit einem BIP-Anstieg von 0,5 Prozent im dritten gegenüber dem zweiten Quartal, das selbst schon ein kräftiges Wachstum aufwies, hat sich die Wirtschaft in den vergangenen Monaten äußerst robust entwickelt. Das jährliche Wachstum hat sich zuletzt sogar von 2,1 auf 2,3 Prozent beschleunigt.

Können die Brexit-Sorgen also abgehakt werden? Es ist wohl kein Wunder, dass die Warnungen vor den ökonomischen Konsequenzen des Volksentscheids inzwischen vielfach als Schwarzmalerei angesehen werden. Trotzdem wäre es aus unserer Sicht fahrlässig zu glauben, dass die Folgen einer solch einschneidenden politischen Zäsur wie dem EU-Austritt glimpflich sind und Großbritannien weitgehend unbeschadet aus dem Trennungsprozess hervorgeht.

Der jüngste Vierteljahresbericht der Bank of England zur Stimmung in der britischen Wirtschaft zeigt denn auch, dass die Investitionsbereitschaft der Unternehmen in den vergangenen Monaten deutlich zurückgegangenen ist und auf das niedrigste Niveau seit sechs Jahren gefallen ist. Der aktuelle Umfragewert signalisiert eine Stagnation der Investitionstätigkeit. Vor allem in dem für die britische Wirtschaft so wichtigen Dienstleistungssektor ist das Investitionsklima so stark eingebrochen wie seit der Finanz- und Wirtschaftskrise vor acht Jahren nicht mehr.

Dies bestätigt auch unsere Einschätzung: Zwar ist eine ökonomische Schockstarre unmittelbar nach dem unerwarteten Wahlergebnis ausgeblieben. Die Erleichterung darüber prägt auch das aktuelle Stimmungsbild des Landes, beispielsweise bei den privaten Haushalten, deren lebhafter Konsum wesentlich zu dem guten Wachstumsergebnis im dritten Quartal beigetragen hat. Die Unsicherheit darüber, wie das Verhältnis Großbritanniens mit der EU in Zukunft ausgestaltet sein wird, hält momentan aber viele Unternehmen von wichtigen Investitionsentscheidungen ab – sie warten erst einmal ab. Zeichnet sich dann im Laufe der Verhandlungen ab, dass Großbritannien den Zugang zum Binnenmarkt tatsächlich mit dem Austritt verlieren wird, dürften auch immer mehr Unternehmen ganze Geschäftsfelder in andere EU-Staaten auslagern. Das wird nicht „von heute auf morgen“ passieren, wohl aber die Konjunktur schleichend ausbremsen. Wir rechnen deshalb schon im kommenden Jahr mit einer sichtlich schwächeren Wachstumsdynamik der britischen Wirtschaft und einem BIP-Wachstum von nur noch 0,5 Prozent im Gesamtjahr 2017.

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