Das US-Kapitalbilanzdesaster

Die Fed steht derzeit im Rampenlicht, dagegen kommen weder traditionelle Fundamentaldaten geschweige denn Spezialthemen wie die Kapitalbilanz an. Die jüngsten Portfolioflow-Zahlen aus den USA verdienen dennoch unsere Aufmerksamkeit, bestätigen sie doch die ungünstige Entwicklung der letzten Monate.
Am deutlichsten sticht die massive Liquidierung ausländischer Treasury-Bestände heraus. Schon Ende 2014 gab es erste Anzeichen, dass die Nachfrage nachlässt, deutlich wurde der Trend jedoch erst Mitte 2015. Seither haben Investoren aus dem Ausland 420 Mrd. USD an amerikanischen Staatsanleihen verkauft. Nettokäufe gab es zuletzt im Februar und März dieses Jahres, seither stehen Verkäufe auf der Tagesordnung – Tendenz steigend.
Dominiert werden diese Verkäufe von ausländischen Zentralbanken, die bereits seit Ende 2014 Nettoverkäufer von US-Treasuries sind und seither fast unglaubliche 609 Mrd. USD an Papieren abgestoßen haben – allen voran China, dessen laufende Intervention zur Stützung der heimischen Währung allein in diesem Jahr Verkäufe von 154 Mrd. USD T-Bonds notwendig machte. Der einzige Grund, warum der US-Treasurymarkt zumindest anfänglich noch von Nettozuflüssen profitieren konnte, waren Privatinvestoren, deren Treasury-Käufe zeitweise einen Ausgleich schaffen konnten. Auch dies hat sich jedoch gewandelt. In diesem Jahr belaufen sich die Nettokäufe ausländischer Privatinvestoren auf geringe 49 Mrd. USD und waren zuletzt sogar deutlich negativ.

Positiv zu vermelden ist, dass sich die ausländische Nachfrage nach US-Agency-Bonds und Unternehmensanleihen endlich spürbar erholt hat. In den ersten zehn Monaten des Jahres konnten diese Märkte Zuflüsse von beachtlichen 387 Mrd. USD verbuchen und somit die Treasury-Verkäufe kompensieren. Allerdings ist der Nettoportfoliozufluss aus dem Ausland mit 70 Mrd. USD insgesamt sehr gering. Stattdessen hat sich die Abhängigkeit der USA von Repatriierungsströmen (160  Mrd. USD in diesem und im letzten Jahr) deutlich erhöht.

Die sinkende Nachfrage aus dem Ausland dürfte in Washington mit Sorge beobachtet werden. Zwar ist der Verkauf von US-Treasuries zumindest in einigen Fällen durch heimische Faktoren bedingt (Chinas Interventionen oder die Cash-Requirements der großen Ölexporteure). Nun da die Renditen jedoch steigen und die Fed gleich mehrere Zinserhöhungen für das nächste Jahr in Aussicht gestellt hat, dürfte die Besorgnis wachsen, dass es nicht gelingen könnte, ausländische Investoren in den Markt zurückzuholen.

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