Handwerk 4.0: Zwischen Digitalisierung und Fachkräftemangel

Obwohl das Handwerk in Deutschland vorwiegend aus kleinen und mittleren Unternehmen besteht, hat es ein hohes ökonomisches Gewicht. Im Jahr 2015 erzielten die Handwerksbetriebe einen Gesamtumsatz von 543,7 Mrd. Euro. Besonders groß ist die Bedeutung im Bau- und Ausbaugewerbe. Hier beschäftigt das Handwerk 82 Prozent aller sozialversicherungspflichtig tätigen Personen und erzielt 71 Prozent des Gesamtumsatzes. Allerdings steht das deutsche Handwerk vor einer Reihe großer Herausforderungen. Dazu zählen der Fachkräftemangel und Nachfolgeprobleme, die Konkurrenz durch Industrie und ausländische Anbieter sowie steigende Anforderungen aufgrund des technischen Fortschritts. Das Handwerk verschließt sich dabei nicht der notwendigen Weiterentwicklung. Die ersten Schritte auf dem Weg zum „Handwerk 4.0“ sind bereits gemacht. Die Digitalisierung wird von vielen Handwerksunternehmen aber derzeit noch als zweischneidiges Schwert gesehen: Einerseits bieten Investitionen in die digitale Welt den Betrieben die Chance, sich auch auf lange Sicht zukunfts- und wettbewerbsfähig aufzustellen. Beispiele für neue, erfolgversprechende Segmente sind etwa das „Internet der Dinge“ oder der Bereich der Fernwartung. Andererseits werden die mit der Digitalisierung verbundenen Kosten insbesondere von kleinen Handwerksunternehmen gescheut.

Durch den zunehmenden Fachkräftemangel und die sich verschärfenden Nachfolgeprobleme drohen jedoch Engpässe im Handwerk. Die wirtschaftlichen Auswirkungen dieser demographischen Herausforderungen werden sich deutlich nach der jeweiligen Kundengruppe unterscheiden. So wird der Fachkräftemangel bei den Handwerken für private Haushalte zu einer Zunahme der industriellen Fertigung wie bei den Bäckern, Konditoren oder Fleischern führen, die zum Teil auch außerhalb Deutschlands stattfinden dürfte. Bei den persönlichen Dienstleistungen, wie sie beispielsweise Friseure erbringen, dürften dagegen die Betriebszahlen und damit auch die Konkurrenz abnehmen. Anders sieht dies bei Handwerken aus, die ganz oder teilweise für Unternehmen tätig sind. Ein Nachwuchsmangel im Bau- oder Ausbaugewerbe könnte auf lange Sicht zu einem Investitionsstau im Wohn- und Gewerbebau führen. Dabei kommt dem Bau-Handwerk eine Schlüsselrolle für die gesamtwirtschaftlichen Investitionen zu. Ohne Handwerk ließen sich praktisch keine Bauinvestitionen realisieren, und die Bauinvestitionen erreichten 2015 immerhin fast die Hälfte der gesamtwirtschaftlichen Investitionen in Deutschland. Wachsende Probleme im Handwerk bedrohen so nicht nur das jeweils aktuelle Wirtschaftswachstum, sondern auch das Potenzialwachstum der gesamten Volkswirtschaft.

Wenn es darum geht, die Herausforderungen zu bewältigen, ist das Handwerk zunächst einmal selbst gefordert. Das geschieht auch bereits. So wird qualifiziertes Personal stärker an die Betriebe gebunden und auch bei dünner Auftragslage gehalten. Gleichzeitig reagieren Handwerksunternehmen auf fehlende „Manpower“ mit verstärktem Maschineneinsatz und der Verwendung industriell vorgefertigter Komponenten. Im Lebensmittelhandwerk expandieren größere Handwerksbetriebe und nutzen selbst industrielle Fertigungsmethoden. Dagegen grenzen sich kleinere Handwerke gerne von der Massenproduktion ab und setzen auf Qualität, individuelle Angebote und eine tiefe Verankerung in der Heimatregion.

Die Bemühungen um eine Bewältigung der Herausforderungen müssen aber verstärkt werden, um die Attraktivität des Handwerks für Nachwuchs, Fachkräfte und Kunden zu steigern. Zu denken ist beispielsweise an die Entwicklung ansprechender Ausbildungskonzepte oder an Kooperation in Form von gemeinschaftlichem Marketing. Genossenschaftliche Kooperationen können das Handwerk im Wettbewerb mit Großunternehmen nicht nur bei der Beschaffung unterstützen, sondern auch beim Absatz und der Personalanwerbung und bindung. Ein besonderes Augenmerk ist zudem auf die Digitalisierung zu richten. „Handwerk 4.0“ macht die Branche fit für die Zukunft, und lässt sie für junge Menschen als attraktiven Arbeitgeber erscheinen.

Wegen der Schlüsselfunktion des Handwerks für die gesamtwirtschaftlichen Investitionen ist aber auch der Staat gefragt. Er sollte die Digitalisierung des Handwerks und anderer Wirtschaftsbereiche mit Beratungsangeboten, Fördermaßnahmen und zügigem Ausbau der technischen Infrastruktur begleiten. Gleichzeitig gilt es, stark praxisorientierte und speziell auf die Bedürfnisse des Handwerks ausgerichtete Studienangebote zu schaffen. Ebenso sollte das zulassungspflichtige Handwerk für bestimmte technische Studienabschlüsse auch ohne Meisterbrief geöffnet werden, wenn eine ausreichende Handwerkspraxis nachgewiesen werden kann.

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