Britische Wirtschaft zeigt sich auch im vierten Quartal unbeeindruckt vom Brexit-Votum

Ist die britische Wirtschaft so widerstandsfähig, dass sie den Brexit-Schock ohne große Beeinträchtigung “verdauen” kann? Zu diesem Urteil könnte man angesichts der robusten Konjunkturentwicklung Großbritanniens in den Monaten nach dem Referendum durchaus gelangen. Auch im vierten Quartal des vergangenen Jahres blieb das Wirtschaftswachstum weitgehend ungebremst. Wie das Office for National Statistics heute Morgen berichtete, wurde die Wirtschaftsleistung zuletzt, wie schon während der Sommermonate, um 0,6 Prozent gegenüber dem Vorquartal gesteigert. Mit einem Wachstum von 2 Prozent im vergangenen Jahr hat sich das Vereinigte Königreich in puncto Wachstumsstärke sogar an die Spitze der G7-Staaten gesetzt. Für die Befürworter des Brexits, vor allem diejenigen, die für einen harten Schnitt mit der EU plädieren, sind diese Wachstumszahlen „Wasser auf die Mühlen“: Die Warnungen vor den wirtschaftlichen Belastungen des EU-Ausstiegs scheinen vor diesem Hintergrund kaum mehr als Schwarzmalerei.

Vor allem konsumnahe Dienstleistungen zeigten sich im Schlussquartal kräftig – der private Konsum dürfte also erneut einen wesentlichen Beitrag zum Wachstum der Gesamtwirtschaft geleistet haben. Auch der Finanzsektor produzierte ein deutliches Plus. Dagegen traten sowohl die Bauwirtschaft als auch die Industrie auf der Stelle. Das verarbeitende Gewerbe konnte zwar von der Abwertung des Pfund Sterlings profitieren. Die Ölindustrie drosselte die Produktion dagegen beträchtlich. Der Bauboom, der seinen Schwung bis ins vergangene Jahr noch von den „Help-to-Buy“-Förderungen erhielt, ist inzwischen ebenfalls abgeebbt.

Bleibt die Frage, ob die britische Konjunktur auch weiterhin so robust bleiben kann und wird. Da sind wir eher skeptisch. Bislang haben die Unternehmen im Vereinigten Königreich offenbar nichts überstürzt, um auf den Volksentscheid zu reagieren. Das mag daran liegen, dass lange Zeit weitgehend unklar war, wohin die Brexit-Reise gehen wird. Wird der Bruch „hart“ oder doch eher „sanft“? Die Spekulationen schwankten stark und ließen offenbar viel Raum für Hoffnungen, dass bei den Verhandlungen schon Kompromisse gefunden werden, die den Anpassungsbedarf der Unternehmen minimieren und die Geschäftstätigkeit kaum beeinträchtigen.

Dies sollte sich mit den klaren Aussagen Theresa Mays in der vergangenen Woche jedoch ändern. Die britische Premierministerin ließ keinen Zweifel offen, dass sie ihr Land vollständig aus der EU führen möchte und folglich auf einen „harten“ Brexit zusteuert. Nicht, dass May die Mitgliedschaft Großbritanniens im EU-Binnenmarkt oder in der Zollunion tatsächlich ablehnt – so viel sei hier angemerkt. Sie hat aber deutlich gemacht, dass sie das Ziel der vollständigen nationalen Kontrolle über Migration und Gesetzgebung höher gewichtet als den Binnenmarktzugang. Sie akzeptiere, so May, dass dies nach den geltenden EU-Regeln nicht miteinander vereinbar sei. Das ist zumindest konsequent und enttarnt eines der wesentlichen und widersprüchlichsten Wahlversprechen der Referendumskampagne. Damit ist der „harte“ Brexit mit all seinen negativen konjunkturellen Konsequenzen jedoch wieder weitaus wahrscheinlicher geworden. Daran dürfte auch die Mitsprache der Parlamentarier nichts Grundlegendes ändern. Nach ihrem klaren Bekenntnis hat die Premierministerin nur wenig Spielraum, den Brexit-Gegnern im Parlament entgegenzukommen, ohne das Gesicht zu verlieren. Allenfalls hat die parlamentarische Zustimmungspflicht das Potenzial, den bislang angedachten Zeitplan der Regierung, nämlich die Austrittsverhandlungen Anfang April zu beginnen, zu verzögern.

Wir rechnen deshalb damit, dass sich das Wirtschaftswachstum im Laufe dieses Jahres beträchtlich verlangsamen und im kommenden Jahr weiter abbremsen wird. Dazu werden aber nicht nur die Unternehmen beitragen, deren Standortentscheidungen gegen Großbritannien die Investitionen drosseln werden. Auch die Verbraucher dürften in diesem und im nächsten Jahr längst nicht mehr so konsumfreudig sein wie bisher. Dafür werden allein schon die höheren Verbraucherpreise sorgen, die aufgrund der scharfen Pfundabwertung deutlich steigen. Positiv sind dagegen die Überlegungen zu werten, die für eine mehrjährige Übergangsphase im Anschluss an den Austritt Großbritanniens, der in zwei Jahren erfolgen soll, werben. Ein solcher Zeitraum zur Implementierung der Verhandlungsergebnisse würde vermeiden, dass sich die Wirtschaft nach dem Brexit plötzlich völlig anderen Rahmenbedingungen gegenübersieht und „über eine Klippe stürzt“. Können sich Brüssel und London auf solch eine Übergangsphase einigen (die auch im Interesse der übrigen EU-Länder wäre), fällt der Anpassungsdruck vor allem für die britische Wirtschaft schon in den kommenden zwei Jahren geringer aus. Das Wachstum dürfte nur schleichend, nicht aber plötzlich abbremsen.

 

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