Frankreich: Macron ist der wahre Gewinner

Die französische Linke hat sich entschieden: Für die Sozialisten geht der vorherige Außenseiter Benoit Hamon ins Rennen um die Präsidentschaftswahlen. Der „sozialistische Fundi“ gewann gestern mit rund 58% der Stimmen deutlich gegen seinen Rivalen Manuel Valls in der finalen Runde der Vorwahlen. Damit hat sich der linke Flügel gegen den wirtschaftspragmatischen rechten Flügel in einem innerparteilichen Machtkampf durchgesetzt. Hamon gelang es vor allem, durch seine traditionell-linken und progressiven Forderungen gegenüber dem gemäßigten Reformisten Valls zu punkten. Mit Hamon als Spitzenkandidat haben sich die Aussichten für die Sozialisten bei den Präsidentschaftswahlen noch einmal verschlechtert, spricht doch der radikale Linksaußen nicht die breite Masse der Franzosen an. Derzeit liegt er abgeschlagen auf dem vierten Platz.

Nicht nur der ehemalige Premiermister Valls muss nun seine Präsidentschaftspläne begraben, auch der bisherige Top-Favorit, der Republikaner Fillon, steht zunehmend politisch unter Druck. Kritiker werfen ihm Veruntreuung von Geldern vor, was seinen Popularitätswerten bereits deutlich schadet. Ob Fillon die Anschuldigungen, wie versprochen, vollständig entkräften und er sich politisch noch einmal erholen kann, bleibt offen. Sollte Fillon doch noch von der Kandidatur zurücktreten, wäre dies ein Schlag für die Republikaner, die so kurz vor Wahl wohl keinen anderen aussichtsreichen Aspiranten mehr aufstellen könnten.

Der politische Profiteur der vergangen Wochen ist damit der ehemalige Wirtschaftsminister und zentral positionierte unabhängige Kandidat Macron, zu dem sowohl potenzielle Valls- als auch enttäuschte Fillon-Wähler bereits jetzt überlaufen. In den Umfragen hat Macron zu Fillon aufgeschlossen und inzwischen damit gute Chancen, in die Stichwahl gegen die in den Umfragen führende Le Pen des Front National einzuziehen. In einer Stichwahl stünden Macrons Chancen auf den Sieg indes sehr gut, da er als moderater Kandidat die Stimmen nahezu des gesamten gemäßigten Lagers auf sich vereinigen dürfte. Le Pen kann sich zwar auf ihre Stammwählerschaft verlassen, eine Mehrheit der Franzosen erreicht sie mit ihren populistischen Thesen bislang aber nicht.

Kann Macron in den Umfragen weiter zulegen, dürfte dies auch die Märkte etwas beruhigen, die zuletzt mit höheren Risikoprämien bei französischen Staatsanleihen auf die nachlassenden Umfragewerte für Fillon reagiert hatten. Die Hoffnung der Anleger war vor allem darauf gerichtet, dass Fillon als Präsident Frankreich deutlich wirtschaftsliberaler führen würde. In seinem Wahlprogramm hatte sich Fillon zumindest reformorientiert präsentiert und sowohl für einen Abbau der Neuverschuldung als auch eine Verbesserung der Rahmenbedingungen der Unternehmen plädiert. Macron hat sich hingegen inhaltlich bisher eher bedeckt gehalten und sein Programm noch nicht vorgestellt. Politisch hat ihm das nicht geschadet, im Gegenteil: Da Macron nun weiß, dass er nicht mit Valls konkurriert und Fillon angeschlagen ist, dürfte er vor allem Le Pen als Gegnerin im Blick haben, Frankreichs demokratische und liberale Werte beschwören und sich wirtschaftspolitisch zentristisch geben.

Artikel bewerten


Vielen Dank für Ihre Wertung. Ihre Wertung:
Aktuell ist noch keine Bewertung vorhanden. Seien Sie der Erste! Aktuelle durchschnittliche Bewertung des Artikels: 3.57

Ähnliche Beiträge

Hinterlasse eine Antwort

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *