Die Welt im Wandel

Im Jahr 2007 endete ein lang anhaltender Wirtschaftsaufschwung. Dieser Aufschwung war gekennzeichnet von stark zunehmendem Welthandel und wurde von hohen Produktivitätszuwächsen  getragen. Die Folge war eine über Jahre hinweg relativ niedrige Inflation, bei gleichzeitig hohen Wachstumsraten von rund 5% für das globale Wachstum.  Die Anleiherenditen haben auch in dieser Phase ihren langjährigen Abwärtstrend beibehalten – das war das „Goldilock-Szenario“. In dieser Periode waren Fragen der Verteilung des Vermögens in den Gesellschaften weitestgehend irrelevant und wurden nicht diskutiert – allerdings auch, weil Immobilienblasen in einigen Ländern in dieser Zeit zu Wohlstandsillusion und Überschuldung geführt haben.

Durch den zunehmenden Welthandel kam es aber auch zu einer schleichenden und am Ende merklichen Verschiebung des Wohlstandsniveaus zwischen Ländern und Gesellschaftsgruppen. Die Schwellenländer profitierten von der Globalisierung sehr stark, während in den Industrieländern viele Berufsgruppen in Bedrängnis kamen. Entsprechend ist das Wohlstandsniveau in breiten Teilen der Gesellschaft in den Schwellenländern gestiegen, während in den Industrieländern einige Gesellschaftsschichten zunehmend von der allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung abgekoppelt wurden. Dies war angesichts der zugrundeliegenden fundamentalen Entwicklungen ökonomisch eigentlich nicht überraschend. Es gab jedoch keine ausreichende politische Reaktion auf diese Trends, die sich verschiebende Vermögensverteilung in den Gesellschaften wurde weitgehend hingenommen.

Diese „Goldilock-Periode“ endete abrupt, als der US-amerikanische Immobilienmarkt kollabierte und danach die europäische Staatsschuldenkrise um sich griff. In der Folge mussten die Staaten Banken retten oder re-kapitalisieren und viele Notenbanken waren gezwungen, sich mit bis dahin unbekannten Maßnahmen gegen die Gefahr einer weltwirtschaftlichen Depression zu stemmen.

Gleichzeitig bremste der Welthandel scharf ab, seither verzeichnet er allenfalls noch schwaches Wachstum. Die früher mit der zunehmenden Globalisierung zu verzeichnenden Wohlstandsgewinne blieben jetzt aus und gleichzeitig brachen die strukturellen Schwächen vieler Länder hervor, die zuvor durch fallende Renditen und hohe Wachstumsraten überdeckt wurden.

Im  Euroraum folgte eine Krise, die hauptsächlich durch die strukturellen Unterschiede zwischen den Euroländern verursacht worden ist. Der Euroraum (und die Welt) teilt sich nun fast in zwei Teile: In Länder mit einer sehr niedrigen Arbeitslosigkeit  und stabilem Wachstum und Länder mit relativ hoher Arbeitslosigkeit und nur schwachem Wachstum.

Parallel und unabhängig davon entwickelte die Digitalisierung eine kaum vorhergesehene Dynamik und zeigt sich in allen Bereichen der Wirtschaft. Einfache oder nur wenig kreative Tätigkeiten werden zunehmend von Computern und Maschinen übernommen. Ein Phänomen, das in der Geschichte des technischen Fortschritts eigentlich nicht neu ist – zumeist mit ähnlichen Folgen wie aktuell. Allerdings droht der Anteil der Bevölkerung, der zu den Verlierern dieses Prozesses gehört, bald ein kritisches Niveau zu erreichen.

Die bereits in der Wachstumsphase aufgestauten Verlustängste vieler Menschen wurden durch die strukturellen Versäumnisse in vielen Ländern, die hohe Arbeitslosigkeit und die Digitalisierung noch weiter verstärkt, ohne dass dies eine unmittelbare politische Reaktion ausgelöst hätte. Dies hat die Menschen empfänglich für politische Ideen gemacht, die rückwärtsgewandt und gegen eine zunehmende Verflechtung der Weltwirtschaft gerichtet sind. Immigration, Mobilität und internationaler Handel werden nun als negativ betrachtet. Entsprechende Parteien und Bewegungen haben an Popularität gewonnen und sind teilweise in Regierungsverantwortung gewählt worden. Beispiele hierfür sind die USA, Großbritannien (Brexit), Türkei, Polen oder Italien (5 Sterne Bewegung). Auffällig ist dabei, dass sich bislang keine asiatischen Länder in dieser Liste finden.

All dies führt derzeit zu einer sich wirtschaftlich und politisch rasch wandelnden Welt. Die Globalisierung stockt, der Nutzen von Handelsverträgen wird in Frage gestellt, Mobilität ist nicht mehr erwünscht. Die Parteienlandschaft ändert sich. Die Folgen für die Volkwirtschaften dürften bald spürbar sein. Es besteht die Gefahr, dass bei nur moderatem Wachstum die Löhne merklich ansteigen und darauf folgend die Inflation ansteigt. Die Zentralbanken verfolgen in der Regel eine inflationsgesteuerte Geldpolitik, in dem oben beschriebenen Umfeld dürften die Zinsen schnell ansteigen und damit das Wachstum zusätzlich bremsen.

Nach einiger Zeit dürften die gestiegenen Zinsen die großen Volkswirtschaften in eine wirtschaftliche Schwächephase führen. Die entscheidende Frage dürfte dann sein, ob sich das politische Umfeld wieder normalisiert oder sich noch weiter zu den politischen Extremen hinbewegt. Im letzteren Fall könnte die wirtschaftliche Schwächephase auch länger andauern. In Europa steht in einem solchen Szenario die europäische Idee vor großen Herausforderungen. Ob der großartige Gedanke eines geeinten Europa dies am Ende übersteht würde, lässt sich noch nicht sagen. Wenn man sich politisch auf wichtige Gemeinsamkeiten einigen und die Globalisierung revitalisieren kann, ist es gut vorstellbar, dass die Weltwirtschaft wieder auf einen höheren Wachstumspfad zurückfindet.

Zwei Fragen müssen aber auf jeden Fall in der nächsten Zukunft geklärt werden. Zum einem muss man sich im politischen Entscheidungsprozess verstärkt um Verteilungsfragen kümmern. Wachstum muss über die Zeit mehr Gewinner als Verlieren haben, ansonsten verliert man die demokratische Basis für die zugrundeliegenden Wirtschaftsmodelle. In diesem Zusammenhang gilt es auch Modelle zu entwickeln, die sich mit der zunehmenden Digitalisierung und den daraus folgenden Verteilungswirkungen beschäftigen. Wenn immer mehr Wertschöpfung von Maschinen erwirtschaftet wird, braucht man alternative Gesellschaftsmodelle. Die aktuelle Diskussion um das Grundeinkommen ist hier sicherlich ein vielversprechender Anfang, aber eben nur ein Anfang.

Zum anderen muss man sich entscheiden, wie es mit dem Euroraum weitergehen soll. Die Länder müssen sich strukturell wieder aufeinander zubewegen. Dies funktioniert jedoch nur, wenn die Länder die entsprechenden strukturellen Anstrengungen unternehmen. Als Alternative könnte man eine breit angelegte Transferunion installieren, diese würde aber in denjenigen Ländern keine gesellschaftliche Mehrheit finden, die den Großteil der dann fälligen Zahlungen zu leisten hätten. Somit müssten sich einige Länder wie etwa Italien deutlich ändern. Dies erscheint aus heutiger Sicht zunehmend unwahrscheinlich. Somit sollte man sich perspektivisch ernsthaft mit Szenarien auseinander setzen, in denen einzelne Länder den Euroraum verlassen. Dieser Prozess dürfte notwendig werden, wenn man den Euroraum bewahren möchte.

Es stehen große Herausforderungen vor uns. Diese lassen sich meistern, wenn die Politik die Menschen mit einbindet und es schafft, die Zusammenhänge und den Wert des Erreichten zu erläutern. Mit dem sich abzeichneten neuen politischen Stil in den USA und dem kommenden Brexit fällt Europa hier eine besondere Rolle zu. Wenn Europa hier nicht zu den richtigen Antworten findet und möglicherweise eine enge Allianz mit Asien schließt, dürfte eine längere Phase mit höherer wirtschaftlicher und politischer Volatilität vor uns liegen.

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Ein Kommentar

Hallo Herr Bielmeier,

ich geb Ihnen in allen Punkten Recht. Gut gebrüllt LÖWE könnte man auch sagen….Aber… letztlich alles schon längst bekannt. Bei allen, die in der Wirtschaft was zu sagen haben. Leider nicht bei vielen „Normalos“. Tragisch dabei ist, dass die, die es wissen, einfach ignorieren und so weiter machen wie bisher. Die Gier bei den Managergehältern, hält an. Die Politische Kaste macht lustig weiter mit den Erhöhungen Ihrer Bezüge. Unterrnehmen kicken sich rücksichtslos aus dem Markt. DM kauft Rossmann die Regale leer, weil diese Waren unter Einstandspreis verkaufen. Mitarbeiter von bestimmten Serviceunternehmen werden schlechter als der Mindestlohn bezahlt. Die Deutsche Bank ist nur noch ein Schatten Ihrer selbst, sie hat sich an Ihrer eigenen Gier verschluckt und die dafür zuständigen Herren werden einfach nicht zur Rechenschaft gezogen. Desgleichen die Commerzbank. Von vielen ausländischen Investmentbanken ganz zu schweigen.
Die Schwarzarbeit unter osteuropäischen Handwerkern ist so hoch wie nie. Weltweit feiert der Populismus fröhliche Urständ. VW lügt und betrügt, wei ein kleines Kind, dass Dummheiten gemacht hat. Unrechtsbewusstsein ist ausgeschaltet. Alles steht auf Vorteilsnahme und wer erwischt wird, bekommt ne Abfindung. Der Bildungsstand ist wirklich bald nur noch zweigeteilt. Ebenso der Vermögensstand. Die Reichen werden reicher – der Mittelstand schafft kaum noch einen ausreichenden Wohlstand. Das alles spüren die Menschen, die noch etwas spüren und fragen sich, wie sie dem begegnen sollen. Am Anfang steht eine Politik, die wie Sie richtig sagen, die Menschen wieder mitnimmt. Stattdessen bürokratisieren wir uns in Nichtigkeiten kaputt. Wir schaffen immer neue Gesetze, die angeblich die Menschen vor sich selber schützen sollen. Die Freiheit und Verantwortung des einzelnen wird eingemottet. Jeder kann sich zu jederzeit darauf berufen, dass seine Entscheidungen nicht in seiner Verantwortung liegen.

Früher hat man mal gesagt, alles braucht eine Ordnung, einen Rahmen und eine unabhängige Aufsicht, die eingreift, wenn jemand aus dem Rahmen fällt.

Unser Problem ist es geworden, dass wir genau diese einfache – klare Ordnung nicht mehr haben. Wir sind zu Lange umwickelt worden und mussten nicht mehr gerade stehen für unser Fehlverhalten.

Solange das so ist, wird es schwer sein den Menschen das Vertrauen in den Staat und letztlich in sich selber zu wecken.

In diesem Sinne ein angenehmes WE

Herzlich Bernd Thelen

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