Zinsschock dank Trump?

Nachdem Donald Trump zum neuen Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt wurde, kam es an den Finanzmärkten zu einer euphorischen Stimmung. Viele Frühindikatoren sind in den vergangenen Wochen kräftig gestiegen, gleichzeitig sind die Inflationserwartungen deutlich in die Höhe geklettert. Wie auch wir, gehen die meisten Ökonomen und Marktteilnehmer jedoch davon aus, dass Trump nicht alle im Wahlkampf versprochenen Maßnahmen umsetzen kann. Doch was wären die Auswirkungen, falls der neue US-Präsident seine Wachstumsversprechen tatsächlich halten kann?

Hierzu haben wir ein theoretisches Szenario entwickelt, dessen Eintrittswahrscheinlichkeit zwar gering, in den letzten Wochen aber zumindest gestiegen ist. In diesem Szenario müsste sich für Ende 2018, angesichts eines hypothetischen Anstiegs der US-Inflation auf 3,9% und des BIP-Wachstums auf 3,5% eine deutlich höhere Rendite 10-jähriger USTs von 5% ergeben. Infolgedessen würden auch die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen bei 3,2% liegen, wobei auch ein positiver Transmissionseffekt auf die europäischen Inflations- und Wachstumszahlen zu erwarten wäre.

Angesichts des aktuellen positiven Zusammenhangs zwischen Bundrendite und EWU-Spreads dürften die Renditen der EWU-Staaten in diesem theoretischen Szenario deutlich stärker ansteigen. So müsste unserer Schätzung nach die Rendite 10-jähriger spanischer Staatsanleihen Ende 2018 bei 5,2% und italienischer Staatsanleihen bei 5,8% liegen.

Die daraus resultierenden Folgen für die Schuldenstandsentwicklung in den kommenden zwei Jahren wären spürbar, aber noch nicht dramatisch. Die größten Auswirkungen wären bei Italien auszumachen, wo die Schuldenstandsquote binnen zwei Jahren auf knapp 135% stiege. Das Budgetdefizit würde auf 3,5% des BIP emporschnellen. Frankreichs Schuldenstandsquote stiege auf 99%, wohingegen Spaniens Schuldenstand im Verhältnis zum BIP stagnierte und in Deutschland sogar fiele. Insgesamt dürfte jedoch der Effekt der „Draghi-Dividende“ (positive Auswirkungen der expansiven EZB-Geldpolitik auf Staatshaushalte) sinken und den fiskalischen Spielraum einschränken. Zudem bestünde die Gefahr, dass die durch Inflationsanstieg erzwungene Rückführung des PSPP zu Liquiditätsengpässen an den EWU-Staatsanleihemärkten führte. Die Refinanzierung könnte erschwert werden, wenn die EZB als strukturelle Käuferin fehlt.

Die EWU-Staaten müssten in einem solchen Szenario unter anderem mit einer Verkürzung der Duration ihrer Verschuldung reagieren. Im Extremfall stünden auch Hilfsprogramme wie Sekundär- und Primärmarktkäufe durch den ESM oder, als Ultima Ratio, der Einsatz des OMT durch die EZB zur Verfügung. Diese würden, trotz schwärender rechtlicher Zweifel, vorerst ausreichen, um einer Wiederholung der Staatsschuldenkrise der Jahre 2011/12 vorzubeugen.

 

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