Rohöl: Kürzende OPEC und steigende Lagerbestände – ein Paradoxon?

So mancher Marktteilnehmer reibt sich beim Blick auf die derzeit über die Ticker laufenden Rohöl-Nachrichten schon etwas verwundert die Augen. So sind die im Investorenfokus stehenden Rohöllagerbestände in den USA seit dem Jahresbeginn – ergo: dem Startzeitpunkt des viel beschriebenen OPEC-/NOPEC-Produktionskürzungs-Deals – in sechs (jeweils positiven) Wochenschritten um 40 Mio. Barrel (+8%) gestiegen. Ein ganz ähnliches Bild zeigt sich auch in der westeuropäischen „ARA-Speicherregion“ (Amsterdam-Rotterdam-Antwerpen), wo die Rohöllagerbestände im gleichen Zeitraum um 8 Mio. Barrel (+14%) anzogen. Aber wieso anzogen? Hatten die zehn „kürzungsgebundenen“ OPEC- und die elf „kürzungswilligen“ NOPEC-Staaten nicht für die Zeit vom 1. Januar bis zum 30. Juni eine kumulierte Produktionsabsenkung von insgesamt 1,8 Mio. Barrel pro Tag (OPEC-10: 1,2 mbd und NOPEC-11: 0,6 mbd) versprochen, um die seit dem 3Q2014 geradezu aufgequollenen globalen Rohöllagerbestände wieder auf das Normalmaß des 5-Jahresdurchschnittswertes abzuschmelzen? Und stand nicht zuletzt in nahezu jeder Wirtschaftszeitung zu lesen, dass insbesondere die OPEC ihr diesbezügliches Kürzungsversprechen im Januar mit einer im historischen Kontext überraschend hohen Disziplin von ~90% umgesetzt hat, was einer faktisch reduzierten Fördermenge von rund 1,0 mbd entspricht? Schreibt man die bisherige Compliance der OPEC-10 auch für den Februar fort, was sich angesichts der entsprechenden Beteuerungen diverser Kartell-Granden als keine unangemessen gewagte These herausstellen dürfte, und berücksichtigt ferner, dass auch die NOPEC-11 ihre Kürzungszusage von 0,6 mbd zumindest mit einer Quote von 50% eingehalten hat, dürften die 21 „OPEC-/NOPEC-Deal-Staaten“ ihren Output in den ersten 53 Tagen des neuen Jahres um nahezu 70 Mio. Barrel reduziert haben. Selbst unter Berücksichtigung kompensierender Fördererhöhungen in den USA sowie Iran, Libyen und Nigeria dürfte die kumulierte Kürzungsmenge im laufenden Jahr immer noch rund 40-50 Mio. Barrel betragen. Wenn diese – zugegebenermaßen etwas vereinfachte – Rechnung aber nur halbwegs stimmt, wieso steigen in diesem vermeintlichen Kürzungsumfeld dann die Rohöllagerbestände spürbar an anstatt zumindest sanft zu sinken. Und warum steigt angesichts dieses „Lager-Paradoxons“ der Rohölpreis auf 57 USD?

Dieser scheinbare Widerspruch von zeitgleich steigenden Lagerbeständen und einer (netto) sinkenden Produktion löst sich aber auf, wenn man die Transportwege des Rohöls mitberücksichtigt. So dauert es auf dem Seeweg mitunter zwischen 30 und 60 Tagen bis Rohöl seinen Weg vom Produktionsland bis zur Konsumregion zurückgelegt hat. Diesen „logistischen Time-Lag“ berücksichtigend steigen die Lagerbestände gegenwärtig u.a. deswegen an, weil im November/Dezember produziertes Rohöl sukzessive seine Bestimmungshäfen erreicht. Dies waren aber nun aber ausgerechnet exakt die Monate, in denen diverse „OPEC-/NOPEC-Deal-Staaten“ – unmittelbar vor Beginn des vereinbarten Deal-Kürzungszeitraumes (Januar-Juni 2017) – noch einmal produktiv „all-in“ gegangen sind. Vor diesem logistischen Hintergrund darf dementsprechend also damit gerechnet werden, dass die Rohöllagerbestände im globalen Kontext – solchermaßen also auch in den USA und in der ARA-Region – in den kommenden Wochen zu fallen beginnen werden. Ob dies allerdings ausreicht, den derzeit von extremem Investoren-Optimismus getriebenen Rohölpreis noch näher an die 60-USD-Marke zu schieben, hängt nicht zuletzt von US-Präsident Donald Trump und dessen Steuer- und Iran-Plänen ab. Wir bleiben bei unserer Meinung, dass die Zeit für Rohölpreise über 60 USD erst 2018 kommt.

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