Geldpolitik ist Vertrauenssache

Die großen Notenbanken stehen mit ihrer extrem lockeren Geldpolitik schwer unter Beschuss. Schien der expansive Kurs zur akuten Krisenbekämpfung notwendig und gerechtfertigt, wachsen nun die Zweifel. Die jahrelange Krisenpolitik scheint den Glauben an die Steuerungsfähigkeit der Zentralbanken bei Wirtschaftswachstum und Inflation untergraben zu haben. Vertrauen in die Geldpolitik und ihre Repräsentanten ist jedoch extrem wichtig, denn bei hoher Glaubwürdigkeit fällt es den Zentralbanken wesentlich leichter, ihre Ziele zu erreichen.

Doch was bedeutet Glaubwürdigkeit eigentlich? Zunächst ist dies ja nur ein abstrakter Begriff. Glaubwürdigkeit kann definiert werden als das Vertrauen von Investoren und Öffentlichkeit in die Fähigkeit und Bereitschaft einer Notenbank, ihre beabsichtigten (und kommunizierten!) Ziele über einen längeren Zeitraum zu erreichen. Unter dieser Prämisse haben wir einen Glaubwürdigkeitsindikator konzipiert, der das Vertrauen der Marktteilnehmer reflektiert, ob eine Notenbank ihr erklärtes Inflationsziel erreichen wird.

Der Index basiert im Wesentlichen auf dem Abgleich zwischen zentralem Notenbankziel bei der Inflation und den längerfristigen, marktbasierten Inflationserwartungen. Im Idealfall liegt der daraus gebildete Wert bei 1.

Aktuell sind die Notenbanken von diesem Idealfall deutlich entfernt. Das Barometer lässt erkennen, dass die Differenz zwischen den längerfristigen Inflationserwartungen des Marktes und dem Inflationsziel der Europäischen Zentralbank (EZB) und der amerikanischen Notenbank Fed in der letzten Zeit sehr hoch war. So lag der Indikator für die EZB in den Jahren 2008 bis 2010 sowie von Mitte 2015 bis Ende 2016 zeitweise deutlich unterhalb der Schwelle, die unseres Erachtens mit einer hohen Glaubwürdigkeit vereinbar ist. Diese Schwelle setzen wir bei einem Wert von 0,8 Indexpunkten an. In den USA lag der Indikator seit Anfang 2015 ebenfalls unterhalb dieser Schwelle einer hohen Glaubwürdigkeit. Dies spiegelt ein im Trend nachlassendes Vertrauen der Marktteilnehmer in die Effektivität der Geldpolitik sowohl der Fed als auch der EZB wider. Erst jüngst hat der Index mit dem Anstieg der Inflationserwartungen nach der US-Wahl wieder etwas zugelegt.

Dennoch: Über einen langen Zeitraum gesehen haben die beiden Notenbanken in der Vergangenheit ihre Ziele besser erreicht als es die oft geäußerten subjektiven Wahrnehmungen vermuten lassen. Schaut man sich die vergangenen zehn Jahre an, liegen die Glaubwürdigkeitsindikatoren auf einem in der Regel gehobenen Niveau. Insgesamt können wir den Zentralbanken mithin hohe Glaubwürdigkeit bescheinigen – aber eben mit zunehmenden Schwächephasen.

Anders ausgedrückt: Gefährlich ist nicht das gegenwärtige Niveau der Glaubwürdigkeit, sondern der nach unten zeigende Trend. Verbesserungen in der Kommunikation der Zentralbanken sind vor dem Hintergrund der nachlassenden Reputation folglich angebracht. So hat sich die Fed in jüngerer Vergangenheit von einzelnen Konjunkturdaten irritieren lassen, statt besonnen ihrem generellen Kurs zu folgen. Die Öffentlichkeit nahm dies eher als Unsicherheit wahr – und weniger als angemessene Feinsteuerung. Analog dazu wurden die ständigen Anpassungen am Maßnahmenkatalog der EZB in der Bevölkerung als Machtlosigkeit der Zentralbank empfunden, die wirtschaftliche Dynamik zu beschleunigen und die Inflation in Richtung Notenbankziel zu steuern. In beiden Fällen hätte eine unaufgeregte, die Kontinuität betonende Kommunikationsstrategie der Zentralbanken den erwünschten Eindruck einer souveränen Steuerung erzeugt.
Beim langsamen Ausstieg aus der expansiven Geldpolitik geht es für die Notenbanken jetzt darum, einem Glaubwürdigkeitsschock vorzubeugen. Sie müssen die geldpolitische Normalisierung souverän anmoderieren und angekündigte Maßnahmen verlässlich und mit einer Stimme umsetzen. Sagen, was man tut und tun, was man sagt: Das ist der Garant für Glaubwürdigkeit.

All diese Bemühungen sind freilich nutzlos, wenn die politische Einflussnahme überhandnimmt und zu deutlich sichtbar wird. In diesen Fall dürfte eine Notenbank ihre Glaubwürdigkeit schnell verlieren und kaum noch in der Lage sein, eine effiziente Geldpolitik umzusetzen und die Finanzmärkte zu steuern.

Artikel bewerten


Vielen Dank für Ihre Wertung. Ihre Wertung:
Aktuell ist noch keine Bewertung vorhanden. Seien Sie der Erste! Aktuelle durchschnittliche Bewertung des Artikels: 4.75

Hinterlasse eine Antwort

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *