Die Einkommensverteilung in Deutschland ist nicht das Problem, auch wenn es immer wieder behauptet wird

Die Kritik am Kapitalismus als Wirtschaftssystem ist populär und angesagt. Die zunehmende Unzufriedenheit mit unserem Wirtschaftssystem, wie sie im Erstarken populistischer Bewegungen zum Ausdruck kommt, wird oft mit einem Trend zu einer immer ungleicheren Einkommensverteilung und der Gefahr der Verarmung weiter Bevölkerungsgruppen in Verbindung gebracht. Wenn man sich Datenlage betrachtet stellt man aber fest, dass es dieses Phänomen eigentlich nicht gibt. Politischen Handlungsbedarf gibt es aber trotzdem. Das zunehmend wachstumshemmende Steuersystem sollte nach der Wahl reformiert werden. Die finanzpolitischen Spielräume sind jedenfalls vorhanden.

Der Bundesverband der Deutschen Volks- und Raiffeisenbanken (BVR) hat sich dieses Themas jüngst in einer interessanten Untersuchung angenommen. Denn auch im beginnenden Bundestagswahlkampf wird die Diskussion der Einkommensverteilung eine prominente Rolle spielen. Von einem „Gerechtigkeitswahlkampf“ spricht beispielsweise SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz. Auch ist es kein Zufall, dass die Bundesregierung das Thema im Titel des Ende Januar veröffentlichten Jahreswirtschaftsberichts aufgegriffen hat („Für inklusives Wachstum in Deutschland und Europa“).

Von seinen Bürgern wird Deutschland bereits seit einigen Jahren als immer ungleicher wahrgenommen. Eine Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach im Auftrag der Versicherungswirtschaft vom vergangenen September kommt zu dem Ergebnis, dass etwa zwei Drittel der Befragten (64 %) der „Generation Mitte“ (deutschsprachig, zwischen 30 und 59 Jahren) die Verteilung der Einkommen und Vermögen für nicht gerecht halten, 70 % der Befragten diagnostizieren sogar eine Zunahme der Ungleichheit. Bemerkenswert ist, dass diese Ergebnisse mit einer positiven Beurteilung der eigenen Situation einhergehen. So bezeichnen drei Viertel der Befragten (75 %) ihre Lebensqualität als gut oder sehr gut.

Liegen die Befragten mit ihren Einschätzungen richtig? Auskunft hierzu können nationale und internationale Studien zur Verteilung geben. Die Datenlage hat sich in den vergangenen Jahrzehnten deutlich verbessert. Es gibt international vergleichbare Statistiken für viele Länder und Studien zur historischen Einkommensverteilung, die für Deutschland rund 100 Jahre zurückreichen. Aufgrund unterschiedlicher statistischer Messgrößen und Datenquellen müssen Berichte über die Entwicklung der Ungleichheit allerdings immer mit Vorsicht interpretiert werden.

Die Studien zur weltweiten Verteilung der Einkommen kommen überwiegend zu dem Ergebnis, dass die globale Ungleichheit sehr hoch ist, aber zumindest seit Anfang der 1980er Jahre nicht mehr wächst und seit den 1990er Jahren zurückgegangen sein dürfte. Demnach liegt der Gini-Koeffizient (er misst die Ungleichheit der Einkommensverteilung und bewegt sich zwischen 0 und 1 – von absolut gleichverteilt bei 0 bis komplett ungleich bei 1) und damit die Ungleichverteilung der Einkommen in Schwellenländern wie Südafrika (0,63), Brasilien (0,53) und Mexiko (0,46) besonders hoch. Demgegenüber haben fortgeschrittene Volkswirtschaften generell eine geringere Ungleichheit. Am unteren Ende liegen skandinavische sowie mittel- und osteuropäische Länder in der Nähe der Marke von 0,25.

In Deutschland bewegt sich der Gini-Koeffizient seit 2005 ohne große Veränderungen knapp unter 0,30. Damit ist die  Einkommensungleichheit in Deutschland im internationalen Vergleich als „normal“ einzustufen, sie liegt sogar etwas unter dem Durchschnitt der OECD-Staaten von 0,32. Der Beitrag der Umverteilung (durch Steuern und Sozialabgaben) zur Verminderung der Einkommensungleichheit ist relativ zu den anderen betrachteten Ländern in Deutschland auch nicht auffällig hoch, auch er entspricht etwa dem Durchschnitt der OECD-Staaten.

Im Vergleich der vergangenen Jahrzehnte hat sich die Ungleichheit aber auch in Deutschland erhöht. Dabei erfolgte der Anstieg nicht graduell, sondern beschränkte sich vornehmlich auf den Zeitraum der Jahre 2000 bis 2005. Nach Berechnungen des Sachverständigenrates ist die höhere Ungleichheit im Wesentlichen auf das schwache Wachstum der Nettoeinkommen der  Erwerbstätigen der unteren Einkommenshälfte sowie das hohe Wachstum der einkommensstärksten 5 % zurückzuführen. In diesen Jahren ist die Arbeitslosigkeit in Deutschland stark angestiegen, während die Beschäftigung stagnierte.

Mit den Beschäftigungserfolgen seit dem Jahr 2005 ist die Ungleichheit in Deutschland dann – anders als in vielen anderen Ländern – nicht weiter angestiegen. Für die künftige Entwicklung kommt es nun darauf an, die hohe Leistungsfähigkeit des Arbeitsmarktes zu erhalten oder noch auszubauen, die Qualifikation der Erwerbstätigen zu stärken und insbesondere die steuer- und sozialpolitischen „Schalter“ richtig einzustellen.

Denn obwohl der deutsche Arbeitsmarkt seit dem Jahr 2005 um 4 Mio. Erwerbstätige zugelegt hat, sind noch große weitere Potentiale mobilisierbar. Dies lässt sich an der immer noch beträchtlichen Zahl von 2,6 Mio. Arbeitslosen erkennen, aber auch an der vergleichbar niedrigen Zahl von 1.370 Arbeitsstunden pro Jahr, der geringste Wert pro Erwerbstätigem unter den 35 OECD-Ländern (OECD-Durchschnitt: 1.770 Stunden). Hierzu trägt auch der hohe Anteil der Teilzeitbeschäftigung von 23 % an der gesamten Beschäftigung bei. Ein höheres Arbeitsvolumen würde sowohl über ein Mehr an Beschäftigung als auch ein Mehr an jährlichen Arbeitsstunden zu stärker steigenden Einkommen führen und dürfte einen Beitrag zur Verringerung der Ungleichheit leisten.

Um die Beschäftigung weiter zu erhöhen, sollte sich nach der Wahl im September die neue Bundesregierung auf Reformen der Einkommenssteuer und der Sozialabgaben einigen, sodass sich mehr Arbeit auch stärker lohnt. Ideal wäre eine Senkung der Sozialabgabenquote, die sich schon jetzt an der Marke von 40 % bewegt und im Zuge der demographischen Alterung nach den Rechnungen des Bundesarbeitsministeriums bis 2045 auf rund 45 % zu steigen droht. Weitere Verbesserungen bei der Kinderbetreuung würden ebenfalls das Arbeitsangebot erhöhen.

Verbunden mit der Aktivierung von mehr Erwerbstätigkeit stellt auch die Verbesserung der Aufstiegschancen einen zentralen Ansatz zu einer weniger ungleichen Verteilung der Ressourcen dar. In Deutschland ist der Bildungsstand der Eltern besonders stark für den Bildungserfolg der Kinder verantwortlich, was zu einer Verfestigung der sozialen Schichtung zwischen den Generationen führt. Generell würde sich eine Erhöhung der Leistungsfähigkeit des Bildungssystems positiv auf die Produktivität auswirken und zur Erhöhung der Lohn- und Gehaltseinkommen beitragen. Eine wichtige Rolle kann hierbei auch die betriebliche Weiterbildung spielen.

Insgesamt zeigt die Entwicklung der letzten Jahre in Deutschland, dass eine immer ungleichere Verteilung von Einkommen und Vermögen keineswegs ein „Naturgesetz“ ist und dass der Schlüssel zu einer Stärkung der unteren Einkommensschichten vor allem auf dem Arbeitsmarkt und im Bildungswesen liegt. Über eine bessere Integration in den Arbeitsmarkt, über mehr Bildungs- und Qualifikationserfolge lassen sich eine Teilnahme am Wirtschaftsprozess und damit auch das Bewusstsein der eigenen Leistung am besten erreichen.

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