Frankreich: Wie ist ein Le Pen-Sieg möglich?

Die Sorge, dass die Rechtspopulistin Marine Le Pen das nächste französische Staatsoberhaupt werden könnte, treibt die Märkte um: Seit Jahresanfang ist die Risikoaversion deutlich gestiegen. Auch wenn sich die Risikoaufschläge 10-jähriger französischer Staatsanleihen gegenüber Bundesanleihen in den vergangen Wochen wieder sichtlich reduziert haben, liegen die Spreads im Vergleich zur Zeit vor Beginn des Wahlkampfes noch immer auf einem klar erhöhten Niveau.

Die Sorge der Anleger fußt vor allem auf den Umfragen zur ersten Wahlrunde. Hier liegen die FN-Chefin und der liberale Kandidat Emmanuel Macron mit Zustimmungswerten von jeweils etwa 26% gleichauf. Ein Einzug Le Pens in die Stichwahl ist daher nahezu sicher. In den Umfragen zur Stichwahl liegt Macron wiederum weit vor Le Pen. Etwa 60% bis 65% der Wähler dürften nach jetzigem Stand für ihn stimmen. Wenngleich die Umfragen klar für Macron sprechen, ziehen nicht wenige Anleger nach den Erfahrungen des Brexit-Votums und der US-Wahl auch die Möglichkeit eines überraschenden Ausgangs der Präsidentschaftswahl in Betracht.

Dass ein Sieg von Le Pen trotz der Möglichkeit statistischer Fehler unwahrscheinlich ist, lässt sich anhand einer Szenarienanalyse feststellen. Diese bildet einen etwaigen Le Pen-Sieg einerseits über eine geringe Wahlbeteiligung und andererseits über eine Wählerwanderung zu ihren Gunsten aus dem linken und moderaten Lager ab. Die Ergebnisse dieser Analyse zeigen, dass für einen Le Pen-Sieg entweder die Wahlbeteiligung in der Stichwahl mit weniger als 60% historisch niedrig oder die Wählerwanderung aus dem Lager der Anhänger der unterlegenen Kandidaten sehr viel größer sein müsste, als es die Demoskopen vorhersagen. Angesichts der starken öffentlichen Aufmerksamkeit der Wahl ist aber nicht mit einer rekordniedrigen Wahlbeteiligung zu rechnen.

Auch ist es (mit sieben Standardabweichungen vom Durchschnitt) nicht realistisch anzunehmen, dass es Le Pen gelingen könnte, sowohl die für den Sieg notwendige Hälfte der Fillon-Unterstützer als auch jeweils ein Fünftel der Anhänger von Hamon und Mélenchon auf ihre Seite zu ziehen – die ideologischen Gräben scheinen zu groß. Nur wenn beide Faktoren – eine niedrige Wahlbeteiligung sowie ein höherer Stimmenanteil aus dem moderaten und linken Lager – zusammen kämen, erscheint ein Le Pen-Sieg möglich. Hierzu dürfte die Wahlbeteiligung aber nicht höher als 70% sein und immerhin noch 40% der Fillon-Wähler sowie jeweils 15% der Anhängerschaft von Hamon und Mélenchon müssten für die FN-Chefin stimmen. Die Wahrscheinlichkeit, dass beide für Le Pen günstige Faktoren gleichermaßen zusammenkommen, dürfte aber ebenfalls nicht hoch sein.

30.03.2017
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