EZB hat Spielraum zur Reduzierung des Stimulus

Seit EZB-Chef Draghi im Rahmen der Zinssitzung im März hat durchblicken lassen, dass die Währungshüter eine Anpassung ihrer Forward Guidance erwogen haben, sind vermehrt Spekulationen aufgekommen, wie und ob eine Verminderung des geldpolitischen Stimulus vollzogen werden könnte.

Unter anderem aufgrund der EZB-Anleihekäufe ist die Überschussliquidität im Euroraum zwischenzeitlich auf über 1,5 Billionen Euro angewachsen und wird im Fortgang des Programms noch an die 2-Billionen-Marke stoßen. Die im Markt befindliche Zentralbankliquidität ist aber sehr heterogen zwischen den verschiedenen Euroländern verteilt. Über 70% der Überschussliquidität konzentriert sich bei deutschen, französischen und niederländischen Geldinstituten. Die deutschen Geschäftsbanken halten signifikant mehr Zentralbankliquidität bei der Bundesbank als sie im Zuge der Tenderoperationen nachfragt haben oder ihnen im Rahmen der Anleihekäufe zugeflossen ist. Dies hat wiederum zur Folge, dass deutsche Geschäftsbanken im Vergleich zu den übrigen europäischen Geldinstituten übermäßig durch den negativen Einlagesatz belastet werden. Doch nicht nur dieser Umstand spricht dafür, den negativen Einlagensatz zu überdenken.

Das Argument, wonach durch einen negativen Einlagesatz die Geschäftsbanken zu einer vermehrten Kreditvergabe gedrängt werden sollen, erscheint wenig überzeugend. So lässt sich zeigen, dass die Geldinstitute in der europäischen Peripherie in vergleichsweise geringem Umfang Überschussliquidität bei ihrer jeweiligen Notenbank parken. Vor diesem Hintergrund besteht für diese Banken keine Veranlassung, zur Vermeidung der EZB-Strafzinsen ihre Kreditvergabe auszuweiten. Demgegenüber entwickelt sich die Kreditvergabe in Kerneuropa vergleichsweise robust. Damit werden die Banken in Kerneuropa quasi für ihre Geschäftspolitik bestraft: Sie bieten eine hohe Sicherheit weshalb Gelder bei ihnen geparkt werden und vergeben Kredite. Auf Basis der dargelegten Erkenntnisse halten wir es für sinnvoll, dass die Notenbank den negativen Einlagesatz, als Teil ihrer außergewöhnlichen geldpolitischen Maßnahmen im Kampf gegen die Deflationsrisiken, zumindest so weit anhebt, dass wieder eine Symmetrie um den Hauptrefinanzierungssatz entsteht. Eine Erhöhung des Einlagesatzes auf -0,25% von derzeit -0,40% im Herbst, wenn die richtungsweisenden Wahlen in Europa vorüber sind, wäre eine entsprechende Maßnahme. Der geldpolitische Stimulus bleibt mit einem weiterhin negativen Einlagesatz anhaltend expansiv, die EZB kann aber mit dieser Maßnahme die Alarmstufe reduzieren.

 

Artikel bewerten


Vielen Dank für Ihre Wertung. Ihre Wertung:
Aktuell ist noch keine Bewertung vorhanden. Seien Sie der Erste! Aktuelle durchschnittliche Bewertung des Artikels: 0

Ähnliche Beiträge

Hinterlasse eine Antwort

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *