EZB bleibt zunächst sehr expansiv

Die heutige EZB-Zinssitzung hat keine Überraschungen bereitgehalten. So haben die Währungshüter ihre Forward Guidance unverändert belassen. Notenbankchef Draghi stand aber vor der Herausforderung der voranschreitenden konjunkturellen Erholung in der Eurozone Rechnung zu tragen, ohne Spekulationen über eine unmittelbar bevorstehende Anpassung der geldpolitischen Ausrichtung zu schüren. Diese Gratwanderung hat Draghi insfoern gemeistert, dass er eng am Skript des EZB-Protokolls blieb. Setzt sich die konjunkturelle Erholung in der Eurozone allerdings weiter fort, dürften sich die Währungshüter der Diskussion um eine Verminderung des geldpolitischen Stimulus nicht dauerhaft entziehen können.
Auch die Formulierung, wonach der Leitzins für längere Zeit und weit über das Ende des Anleiheankaufprogramms hinaus auf dem aktuellen oder einem niedrigen Niveau bleiben wird, wurde unverändert belassen. Aus den Accounts der März-Zinssitzung geht hervor, dass die Ratsvertreter darüber diskutiert hatten, auf die Möglichkeit einer weiteren Zinssenkung zu verzichten. Dies war zumindest im Rahmen der heutigen Pressekonferenz kein Thema. Doch auch wenn die Notenbank damit an ihrem eingeschlagenen geldpolitischen Kurs zunächst festhält, hat sich die Tür für eine mögliche Verminderung des geldpolitischen Stimulus in den kommenden Monaten ein klein wenig aufgetan. Im Rahmen des einleitenden Statements hat sich der EZB-Chef hinsichtlich der konjunkturellen Perspektiven für die Eurozone etwas zuversichtlicher gezeigt. So gewinne die Konjunkturerholung an Solidität und die Abwärtsrisiken würden zusehends schwinden („Risks moving closer to being broadly balanced“). Demgegenüber bereitet den Währungshütern allerdings weiterhin die Teuerungsentwicklung Kopfzerbrechen. So sei der grundlegende Inflationsdruck gering ausgeprägt und es fehle weiterhin ein überzeugender Aufwärtstrend in Richtung des EZB-Zielwertes von zwei Prozent. Vor diesem Hintergrund bedarf es momentan noch der Unterstützung durch die expansive Geldpolitik.
Setzt sich die Konjunkturerholung in der Eurozone weiter fort, wächst der Druck auf die EZB, ihre gegenwärtige geldpolitische Ausrichtung in den kommenden Monaten zu überdenken. In diesem Zusammenhang rückt die Juni-Zinssitzung der Währungshüter in den Fokus, steht hier doch turnusgemäß eine Überarbeitung der EZB-Stabsprojektionen zur Konjunktur- und Inflationsentwicklung auf der Agenda. Sollten die Währungshüter zuversichtlicher in die Zukunft blicken, würde es sich im Rahmen dieser Zinssitzung erstmals anbieten, die bisherige Forward Guidance anzupassen.

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Ein Kommentar

Michael Engel

Die (beabsichtigt neue ?) Länge der Beiträge mit maximal drei Absätzen / einer Bildschirmseite ohne scrollen gefällt mir sehr gut!

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