Britisches Wirtschaftswachstum verliert in Q1 an Dynamik, der Brexit spielt hierbei aber noch keine Rolle

Die britische Wirtschaft hat im ersten Quartal dieses Jahres sichtlich an Tempo verloren. Das vierteljährliche Wirtschaftswachstum ist auf 0,3 Prozent gesunken. Im Schlussquartal 2016 wurde noch ein deutlich höheres Wachstum von 0,7 Prozent erreicht. In dieser Abschwächung könnte eine konjunkturelle Reaktion auf den soeben angestoßenen Brexit-Prozess zu sehen sein. Wir halten dies aber höchstens für bedingt plausibel.

Die Entwicklung der einzelnen Wirtschaftssektoren zeigt recht solide Wachstumsbeiträge aus dem verarbeitenden Gewerbe sowie der Bau- und der Ölindustrie. Alle Bereiche haben das BIP-Wachstum gestützt – ein Bild, das in der Vergangenheit bei diesen sehr volatilen Branchen und der chronisch schwachen Entwicklung der britischen Industrie eher selten zu sehen war und deshalb positiv ist. Auffällig ist jedoch das relativ schwache Wachstum im Dienstleistungsbereich mit lediglich 0,3 Prozent gegenüber dem Vorquartal. Dies ist der niedrigste Zuwachs seit zwei Jahren. Mit seinem sehr hohen Anteil von fast 80 Prozent ist der Service-Sektor das Rückgrat der britischen Wirtschaft, der in den letzten Jahren stets für solide Wachstumsbeiträge gesorgt hat. Der Schwächeanfall jetzt konzentriert sich vor allem auf konsumnahe Branchen wie die Gastronomie oder den Einzelhandel, deren Wertschöpfung zum Jahresauftakt sogar geschrumpft ist. Dagegen zeigt der Finanzsektor eine nach wie vor kräftige Entwicklung.

Wir gehen davon aus, dass vor allem der deutliche Anstieg der Verbraucherpreise in den letzten Monaten die Kauffreude der britischen Verbraucher gebremst hat. Die immer noch recht verhaltene Entwicklung bei den Löhnen konnte zuletzt kaum noch mit der Inflation mithalten und dürfte die Kaufkraft der privaten Haushalte gedrosselt haben. Dies ist natürlich indirekt eine Auswirkung des Brexit-Prozesses, da die Abwertung des Pfund-Sterlings die Verbraucherpreise allmählich nach oben treibt. Eine größere Verantwortung für den jüngsten Inflationsschub trägt aber der Wiederanstieg des Ölpreises vom vergangenen Jahr – ein Effekt, der nun allmählich ausläuft.

Wir gehen davon aus, dass die britische Wirtschaft bereits in den kommenden zwei Jahren der Brexit-Verhandlungen und damit vor dem eigentlichen Austritt aus der EU in Mitleidenschaft gezogen wird. Nachdem sich das Wachstum aber nach dem Brexit-Votum in der zweiten Jahreshälfte 2016 als überraschend robust und widerstandsfähig erwiesen hat, sollten sich diese Effekte eher langsam und schleichend einstellen. Dass der konjunkturelle Schwung nun plötzlich abgerissen sein könnte, ist wenig wahrscheinlich. Dies lassen auch die Stimmungsumfragen nicht erkennen, die auf ein nach wie vor gutes Wirtschaftsklima hinweisen. Schwankungen sind dabei aber durchaus möglich, weshalb der Tempoverlust auch mit Blick auf das sehr gute Wachstum im Vorquartal bewertet werden sollte. Eine erneute Wachstumsbeschleunigung im laufenden Quartal ist nicht ausgeschlossen. Auf Jahresbasis hat sich das Wachstum von 1,9 auf sehr solide 2,1 Prozent erhöht. Damit gehört Großbritannien unter den großen Industrienationen immer noch zu den Spitzenreitern.

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