Sehr gute Stimmung im Handwerk, aber Herausforderungen bleiben

Die Stimmung im Handwerk ist gut. Nach Aussagen des Zentralverbands des deutschen Handwerks (ZDH) ist die Branche, die ein Achtel aller Erwerbstätigen in Deutschland beschäftigt und mehr als jeden vierten Azubi ausbildet, bestens ins neue Jahr gestartet. Sowohl bei Umsatz und Beschäftigung als auch bei Geschäftslage und Investitionen konnten im ersten Quartal 2017 neue Rekordwerte erzielt werden. Zu dieser Entwicklung haben vor allem das Bau- und das Ausbaugewerbe beigetragen, die von der anhaltend starken Wohnungs- und Immobiliennachfrage in städtischen Ballungsräumen profitieren.

Die erfreuliche Nachricht darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass das deutsche Handwerk weiterhin vor einer Reihe großer Herausforderungen steht. Dazu zählen Nachfolgeprobleme, die Konkurrenz durch Industrie und ausländische Anbieter sowie steigende Anforderungen aufgrund des technischen Fortschritts. Sorgen bereitet aber vor allem der zunehmenden Fachkräftemangel, durch den gravierende Engpässe im Handwerk drohen. Ein Nachwuchsmangel im Bau- oder Ausbaugewerbe könnte auf lange Sicht zu einem Investitionsstau im Wohn- und Gewerbebau führen. Dabei kommt dem Bau-Handwerk eine Schlüsselrolle für die gesamtwirtschaftlichen Investitionen zu. Ohne Handwerk ließen sich praktisch keine Bauinvestitionen realisieren, und die Bauinvestitionen erreichen immerhin fast die Hälfte der gesamtwirtschaftlichen Investitionen in Deutschland. Wachsende Probleme im Handwerk bedrohen so nicht nur das jeweils aktuelle Wirtschaftswachstum, sondern langfristig auch das Potenzialwachstum der gesamten Volkswirtschaft.

Wenn es darum geht, die Herausforderungen zu bewältigen, ist das Handwerk zunächst einmal selbst gefordert. Das geschieht auch bereits. So wird qualifiziertes Personal stärker an die Betriebe gebunden und auch bei dünner Auftragslage gehalten. Gleichzeitig reagieren Handwerksunternehmen auf fehlende „Manpower“ mit verstärktem Maschineneinsatz und der Verwendung industriell vorgefertigter Komponenten. Im Lebensmittelhandwerk expandieren größere Handwerksbetriebe und nutzen selbst industrielle Fertigungsmethoden. Dagegen grenzen sich kleinere Handwerke gerne von der Massenproduktion ab und setzen auf Qualität, individuelle Angebote sowie eine tiefe Verankerung in der Heimatregion.

Die Bemühungen um eine Bewältigung der Herausforderungen müssen aber verstärkt werden, um die Attraktivität des Handwerks für Nachwuchs und Fachkräfte zu steigern. Zu denken ist beispielsweise an die Entwicklung ansprechender Ausbildungskonzepte oder an Kooperation in Form von gemeinschaftlichem Marketing. Ein besonderes Augenmerk ist zudem auf die Digitalisierung zu richten. „Handwerk 4.0“ macht die Branche fit für die Zukunft, und lässt sie für junge Menschen als attraktiven Arbeitgeber erscheinen.

Wegen der Schlüsselfunktion des Handwerks für die gesamtwirtschaftlichen Investitionen ist aber auch der Staat gefragt. Er sollte die Digitalisierung des Handwerks und anderer Wirtschaftsbereiche mit Beratungsangeboten, Fördermaßnahmen und zügigem Ausbau der technischen Infrastruktur begleiten – Stichwort: flächendeckendes Highspeed-Internet. Gleichzeitig gilt es, stark praxisorientierte und speziell aufs Handwerk zugeschnittene Studienangebote zu schaffen, um so eine Brücke zwischen Studium und Führungsverantwortung im Handwerk zu schlagen.

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